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Begehren, Angst – und nüchterne Vernunft: Epikureische Psychologie und Ethik nach griechisch-römischen Texten

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Christoff Neumeister

Ausgewählte Passagen aus Texten griechischer und römischer Autoren führen die Grundgedanken der epikureischen Psychologie und Ethik vor. Deren zentrale Themen waren zum einen die verschiedenen Formen menschlichen Begehrens einschließlich des Sexuellen, zum anderen rationale und irrationale Ängste sowie der vernünftige Umgang mit ihnen. In diesem Zusammenhang entstand auch eine eigene Theorie der Wahrnehmung und Begriffsbildung, des Erkennens und des Handelns. Außerdem entstand eine detaillierte Rekonstruktion der Entwicklung, die die Menschheit in sozialer und technischer Hinsicht durchlaufen haben könnte. Dabei wurde der Herausbildung der menschlichen Sprachfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zugewiesen. Das Buch möchte den Systemcharakter dieser Philosophie deutlich machen, soll aber auch der nichtfachlichen Leserschaft durch Neuübersetzungen einen Eindruck von der hohen literarischen Qualität der zum großen Teil dichterischen Quellentexte vermitteln.
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6. Eindruck, Wahrnehmung, Erkenntnis

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Bei den in Kapitel 4 und 5 besprochenen Ratschlägen zum rechten Umgang mit den verschiedenen Begehrenstypen gingen Epikur bzw. Lukrez von der Voraussetzung aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, aus Erlebtem durch Verallgemeinerung Erfahrungen zu gewinnen und aus diesen dann Vermutungen über in der Zukunft Mögliches abzuleiten. Beispiele waren die Lust-Schmerz-Bilanzierung des hedonistischen Kalküls, der Autarkie-Vorbehalt, und Lukrezens Vorschläge, wie man der Entartung des natürlichen sexuellen Begehrens (venus) zur leidenschaftlicher Liebe (amor) begegnen könne. Außerdem gingen diese Ratschläge auch immer stillschweigend davon aus, dass der Mensch zumindest grundsätzlich in der Lage sei, daraus Folgerungen für sein Handeln zu ziehen, m. a. W. dass er die Fähigkeit zu einer innerhalb gewisser Grenzen freien Handlungswahl habe. In diesem und dem nächsten Kapiteln wird nun vorzuführen sein, wie Epikur und die Epikureër das zu erklären versucht haben. Sie wurden dabei durch den noch sehr unzulänglichen Stand der Naturwissenschaft ihrer Zeit behindert und mussten infolgedessen dabei immer wieder zu seltsamen Hilfshypothesen Zuflucht nehmen. Dennoch hat die epikureische Psychologie schon mancherlei Einsichten vorweggenommen, welche sich erst im XIX. Jahrhundert wieder durchgesetzt haben. Es sind z. T. recht abstrakte Gedankengänge, die da vorzustellen sind – Gedankengänge, die selbst Lukrez mit dem Honig seiner Poesie nicht sehr viel schmackhafter hat machen können. Gleichwohl müssen wir auf sie eingehen, da sie den Epikureërn Grundlage für die Erörterung mancher sehr wichtiger und nach wie vor...

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