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Begehren, Angst – und nüchterne Vernunft: Epikureische Psychologie und Ethik nach griechisch-römischen Texten

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Christoff Neumeister

Ausgewählte Passagen aus Texten griechischer und römischer Autoren führen die Grundgedanken der epikureischen Psychologie und Ethik vor. Deren zentrale Themen waren zum einen die verschiedenen Formen menschlichen Begehrens einschließlich des Sexuellen, zum anderen rationale und irrationale Ängste sowie der vernünftige Umgang mit ihnen. In diesem Zusammenhang entstand auch eine eigene Theorie der Wahrnehmung und Begriffsbildung, des Erkennens und des Handelns. Außerdem entstand eine detaillierte Rekonstruktion der Entwicklung, die die Menschheit in sozialer und technischer Hinsicht durchlaufen haben könnte. Dabei wurde der Herausbildung der menschlichen Sprachfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zugewiesen. Das Buch möchte den Systemcharakter dieser Philosophie deutlich machen, soll aber auch der nichtfachlichen Leserschaft durch Neuübersetzungen einen Eindruck von der hohen literarischen Qualität der zum großen Teil dichterischen Quellentexte vermitteln.
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9. Die frühe Welt und der Urmensch

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Wie wir eben gesehen haben, kann nach Lukrez jemand, der den eigenen Tod unmittelbar vor Augen hat, auch in der Einsicht Trost finden, dass sein Sterben, wie überhaupt alles Absterben, naturnotwendig ist, weil die Natur nur auf diese Weise die für die Entstehung von Neuem erforderliche Materie gewinnen kann. Jedes Vergehen ist, anders ausgedrückt, genauso wie jedes Entstehen nur Moment eines Wandels, der sich in der Natur ständig vollzieht.

Von einem Atomisten wie Epikur wird das auf bestimmte atomare Verhältnisse und Vorgänge zurückgeführt, die sich wegen ihrer Kleinheit zwar nicht durch direkte Beobachtung beweisen, jedoch durch aus Beobachtbarem gezogenen Analogieschlüssen (σημειώσεις / sêmeiôseis) immerhin wahrscheinlich machen lassen. Es sind die folgenden:

–Es gibt nichts im Universum außer den Körpern (σώματα / sômata; corpora) und der Leere zwischen ihnen (κενόν / kenón; inane).1

–Diese Körper sind atomarer Natur, d.h. sie sind entweder selbst Atome, unsichtbar kleinste, „nicht weiter teilbare“ Elementarteilchen (a[toma/ átoma; primordia), oder Verbindungen (συστάσεις / systáseis; concilia) solcher Atome, welche dann aber auch sichtbar sein können.2

–Die Atome selber sind ewig, und zwar deswegen, weil nichts aus dem Nichts heraus entstehen kann (etwa durch eine göttlichen creatio ex nihilo) und auch nichts sich wieder ins Nichts auflösen kann. Ihre Verbindungen dagegen sind immer nur mehr oder weniger beständig und letztlich vergänglich.

–Es gibt unendlich viele Atome, aber nur endlich viele...

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