Show Less
Restricted access

Begehren, Angst – und nüchterne Vernunft: Epikureische Psychologie und Ethik nach griechisch-römischen Texten

Series:

Christoff Neumeister

Ausgewählte Passagen aus Texten griechischer und römischer Autoren führen die Grundgedanken der epikureischen Psychologie und Ethik vor. Deren zentrale Themen waren zum einen die verschiedenen Formen menschlichen Begehrens einschließlich des Sexuellen, zum anderen rationale und irrationale Ängste sowie der vernünftige Umgang mit ihnen. In diesem Zusammenhang entstand auch eine eigene Theorie der Wahrnehmung und Begriffsbildung, des Erkennens und des Handelns. Außerdem entstand eine detaillierte Rekonstruktion der Entwicklung, die die Menschheit in sozialer und technischer Hinsicht durchlaufen haben könnte. Dabei wurde der Herausbildung der menschlichen Sprachfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zugewiesen. Das Buch möchte den Systemcharakter dieser Philosophie deutlich machen, soll aber auch der nichtfachlichen Leserschaft durch Neuübersetzungen einen Eindruck von der hohen literarischen Qualität der zum großen Teil dichterischen Quellentexte vermitteln.
Show Summary Details
Restricted access

10. Die soziale Entwicklung der frühen Menschheit

Extract

Lukrez hatte seine Beschreibung der Lebensumstände und Lebensweise der Urmenschen damit abgeschlossen, dass er sie mit denen späterer Zeiten verglich: Sie war zwar kärglich und prekär, aber dennoch besser, da es noch keinen Krieg, keine riskante Seefahrt, noch keinen schädlichen Überfluss, noch keine mitmenschliche Hinterhältigkeit gab. Danach beginnt er seine Darstellung der nun einsetzenden sozialen und technischen Entwicklung.

Bevor wir auf sie im Einzelnen eingehen, wollen wir zunächst aber die grundsätzliche Frage erörtern, was die Menschheit zu ihr befähigte. Sowohl Epikur selbst als auch Lukrez haben sich dazu explizit geäußert, Epikur in einem Abschnitt seines Herodot-Briefes (75):

Man muss annehmen, dass der <menschlichen> Natur von den Dingen selbst Vieles und Mannigfaltiges gelehrt und aufgezwungen wird, dass dann aber die Tätigkeit des Verstandes (λογισμός / logismós) das, was die Natur ihm nahelegt hat, präzisiert und ergänzt, bei manchen schneller, bei anderen langsamer, in manchen Perioden und zu manchen Zeiten <in größerem>, in anderen in geringerem Ausmaß. …

Entsprechendes, nur ausführlicher und in einer etwas anderen Terminologie, sagt es Lukrez am Ende des V. Buches: Nachdem er dort noch einmal die wichtigsten der von ihm vorher besprochenen Erfindungen und Neuerungen aufgezählt hat, erklärt er (V 1452–1457):

<All das> hat <die Menschen> das Bedürfnis im Zusammenwirken mit dem

Experimentierdrang ihres unermüdlichen Geistes

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.