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Begehren, Angst – und nüchterne Vernunft: Epikureische Psychologie und Ethik nach griechisch-römischen Texten

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Christoff Neumeister

Ausgewählte Passagen aus Texten griechischer und römischer Autoren führen die Grundgedanken der epikureischen Psychologie und Ethik vor. Deren zentrale Themen waren zum einen die verschiedenen Formen menschlichen Begehrens einschließlich des Sexuellen, zum anderen rationale und irrationale Ängste sowie der vernünftige Umgang mit ihnen. In diesem Zusammenhang entstand auch eine eigene Theorie der Wahrnehmung und Begriffsbildung, des Erkennens und des Handelns. Außerdem entstand eine detaillierte Rekonstruktion der Entwicklung, die die Menschheit in sozialer und technischer Hinsicht durchlaufen haben könnte. Dabei wurde der Herausbildung der menschlichen Sprachfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zugewiesen. Das Buch möchte den Systemcharakter dieser Philosophie deutlich machen, soll aber auch der nichtfachlichen Leserschaft durch Neuübersetzungen einen Eindruck von der hohen literarischen Qualität der zum großen Teil dichterischen Quellentexte vermitteln.
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13. Epikureische Naturwissenschaft

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Die religiöse Ausdeutung einiger unerklärlicher und schreckenerregender Naturerscheinungen (Himmels- und Witterungserscheinungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche,1 auch plötzlich auftretende Seuchen), d.h. die Behauptung, dass sie auf das Wirken von Göttern zurückzuführen und als Indizien von deren Zorn aufzufassen seien – solcher Aberglaube (superstitio) lässt sich am besten durch naturwissenschaftliche Aufklärung bekämpfen, ja das ist, wie Epikur im Leitsatz XI erklärt, neben der Bekämpfung der Angst vor dem Tod und der Aufklärung über die wahren (natürlichen) Bedürfnisse des Menschen sogar die Hauptaufgabe der Naturwissenschaft:

Wenn uns nicht die bangen Vermutungen über die Vorgänge am Himmel beunruhigen würden und über den Tod – ob er uns nicht doch irgendwie anginge –, und außerdem, dass wir nicht erkennen können, was die Grenzen der Schmerzen und der Bedürfnisse sind, dann bräuchten wir gar keine Naturwissenschaft.2

Naturwissenschaft zielt nun in der Regel darauf, die Ursachen von beobachteten Naturphänomenen (ϕαινόμενα) zu erkennen. Sie können im wahrnehmbaren Bereich liegen, aber auch außerhalb dieses Bereiches. Je nachdem sind unterschiedliche wissenschaftliche Methoden erforderlich.

Die im Bereich des Wahrnehmbaren anzuwendende Methode wurde bereits im Kapitel 6 dargestellt, so dass dies hier nur noch einmal ganz kurz in Erinnerung gebracht werden muss: Grundlage ist immer der Strom der Eindrücke (αἰσθήσεις / aisthêseis), die über die Sinnesorgane oder auch auf direktem Wege (durch die Poren der Haut) den Geist erreichen. Auf...

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