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Das Kurzprosawerk Willa Cathers: Eine erzähltheoretische Analyse

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Nicola Janitz

Ziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, inwieweit das Kurzprosawerk Willa Cathers den literaturhistorischen Entwicklungstendenzen von der traditionellen Form des diegetisch-fiktionalen (auktorialen) Erzählens hin zum mimetisch-fiktionalen, figurenorientierten (personalen) Erzählen entspricht. Die Analysen basieren auf dem «Zürcher Beschreibungsmodell» von Rolf Tarot ( Narratio viva 1993), welches durch weitere erzähltheoretische Ansätze ergänzt wird. Sechs Short Storys werden einer detaillierten erzähltheoretischen Analyse unterzogen, und obwohl Willa Cather, deren Schaffensperiode sich über ein halbes Jahrhundert erstreckte, durchaus modernistische Gestaltungsmittel verwendet, ist das Wechselverhältnis von diegetisch- und mimetisch-fiktionalen Elementen in ihrem Kurzprosawerk sehr facettenreich.

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2. Literarhistorische Entwicklungstendenzen

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34 Die Systematisierung der Erzählformen im fiktionalen Bereich des Erzählens führte zu zwei Grundformen, die durch die historischen Begriffe „Diegesis“ und „Mimesis“ unterschieden wurden. Daraus ergaben sich die beiden Grundmög- lichkeiten des diegetisch-fiktionalen und des mimetisch-fiktionalen Erzählens. Diese strikte Trennung, die in der Theorie vollzogen werden muss, erweist sich bei der Betrachtung der historischen Entwicklungstendenzen meist als un- möglich. Erzähltechniken sind keine überzeitlichen Idealtypen, sondern sind historisch bedingt, und sie unterliegen ebenso wie die Themenwahl historischen Verände- rungen. Dies zeigt sich besonders deutlich an der geschichtlichen Entwicklung der erzählerischen Vermittlung. Diegetisch-fiktionale Texte repräsentieren die historisch ältere Stufe des Er- zählens, sie sind sozusagen als Urform anzusehen.35 In Romanen und anderen narrativen Texten des 16. bis 19. Jahrhunderts finden sich vor allem die Ich- und die auktoriale Erzählsituation. Sie stellten bis zum 20. Jahrhundert die beiden dominanten Erzählmodelle dar (Nünning, Grundkurs 118).36 Von der diegetischen Form der Mittelbarkeit ausgehend entwickeln sich die Erzählmöglichkeiten allmählich in zwei Richtungen: in Richtung der scheinba- ren Unmittelbarkeit des Erzählens und in Richtung der Darstellung von Inner- lichkeit. Diese Tendenzen sind in der deutschen und englischen Literatur seit dem 18. Jahrhundert, in der amerikanischen Literatur seit dem 19. Jahrhundert nachweisbar. Sie konstituieren den allmählichen Übergang von diegetisch- fiktionalen Texten (auktoriale Erzählsituation) hin zu mimetisch fiktionalen Tex- 34 Tarot, Narratio viva 41ff. 35 Erwähnt sei an dieser Stelle, dass es hier um die generelle historische...

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