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Das Studium der Stille

Deutschsprachige Gegenwartsliteratur im Spannungsfeld von Gnostizismus, Philosophie und Mystik- Heinrich Böll, Botho Strauß, Peter Handke, Ralf Rothmann

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Anja Maria Richter

Die gängigen Prognosen, nach denen die Religionen im Kontext der Moderne oder im Zuge der Globalisierung an Bedeutung verlieren würden, haben sich nicht bestätigt. Das Gegenteil ist der Fall: Jenseits von nihilistischen Entwürfen und virtuellen Konstruktionen öffneten sich auch und gerade in der Literatur Räume für die Belebung religiöser Weltsicht. Ausgehend von Heinrich Böll und seiner Anfang der 1960er Jahre eingeleiteten Distanzierung von der Institution Kirche, wird am Beispiel von Botho Strauß und Peter Handke, die seit den 1970er und 1980er Jahren eine ins Metaphysische zielende Subjektivität repräsentieren, eine Renaissance des Religiösen konstatiert, die sich in den Werken des jüngeren Autors Ralf Rothmann seit den 1990er Jahren mit selbstbewusster Deutlichkeit fortschreibt. Anhand der geistesgeschichtlichen Trias Gnostizismus, Philosophie und Mystik nimmt die Verfasserin eine Fokussierung vor, die die ästhetischen Konzeptionen der Autoren deutlich werden lässt und sie zueinander in Beziehung setzt.

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1. Einleitungsteil

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1.1 Beschreibung der gesellschaftlichen Situation Die Konfession bekennt eine bestimmte Kollektivüber- zeugung, während das Wort Religion eine subjektive Bezie- hung zu gewissen metaphysischen, das heißt extramundanen (außerweltlichen) Faktoren ausdrückt. Die Konfession ist in der Hauptsache ein an die Umwelt gerichtetes Bekenntnis und somit eine intramundane (innerweltliche) Angelegenheit, wohingegen der Sinn und Zweck der Religion in der Bezie- hung des Individuums zu Gott (Christentum, Judentum, Islam) oder zum Pfade der Erlösung (Buddhismus) bestehen. Von dieser Grundtatsache leitet sich die jeweilige Ethik her, die ohne die individuelle Verantwortung vor Gott nur kon- ventionelle Moral bedeutet. (C. G. Jung, Von Religion und Christentum. Einsichten und Weisheiten, 46) Seit den 50er und vor allem 60er Jahren des 20. Jahrhunderts beobachtet man eine wachsende Bedeutungslosigkeit von Religion im öffentlichen Raum; die tradierten Formen institutionalisierter Religiosität unterliegen einem Prozess der Erosion. Die bundesrepublikanische Gesellschaft orientierte sich an der alltäglichen Lebensrealität und stand einer religiösen Sinnsuche weitgehend kritisch gegen- über. Im Zuge von Wirtschaftswunder und zunehmendem Wohlstand wurden für die Mehrzahl der Menschen gesellschaftlich relevante Fragen von Wissenschaft, Ökonomie und Technik befriedigender als von der Kirche beantwortet; religiöse Kulte und Riten wurden umgedeutet und auf den innerweltlichen Bereich über- tragen. Ursachen für die zunehmende Irrelevanz von Religion im öffentlichen Raum dürften aber auch innerhalb der Kirche selbst zu suchen sein, die sich an- gesichts der Aufarbeitung der Vergangenheit in Widersprüchen verstrickte und unglaubwürdig wurde und sich den veränderten Bedürfnissen...

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