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Psychoanalyse und Freiheit

Susann Heenen-Wolff

In diesem Band wird auf zentrale Konzepte Freuds zurück verwiesen, die in der zeitgenössischen Psychoanalyse zunehmend in den Hintergrund geraten sind. Die Autorin arbeitet diesen Paradigmenwechsel heraus, geht aber auch auf den unverzichtbaren und bleibenden Wert der Freudschen Metapsychologie ein. «Penisneid» und «Todestrieb» werden in ihrer Relevanz für die alltägliche Praxis deutlich gemacht, das spezifische analytische Zuhören, die Geschwisterbeziehung metapsychologisch verortet. Vor dem Hintergrund klinischer gruppenanalytischer Erfahrungen werden Überlegungen zu «Identität und Antisemitismus» angestellt. Zahlreiche Fallbeispiele verbinden die metapsychologischen Theorien mit der klinischen Erfahrung.

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XII. Antisemitismus als Suche nach dem Identischen 177

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177 XII. Antisemitismus als Suche nach dem Identischen Es frappiert, daß auch Psychoanalytiker über Antisemitismus, deutsche und jüdische Identität sprechen, ohne sich unbedingt für den unbewußten Hintergrund der jeweili- gen Konflikte zu interessieren. Der wieder lauter sich gebärdende Antisemitismus wird in erster Linie für das genommen, wozu er den Anschein hat, nämlich als antijüdisches Ressentiment, als Ressentiment gegen eine Minderheit, die allerdings, seit der Mas- senvernichtung, in Deutschland nicht mehr wirklich existent ist. Was steckt mögli- cherweise „unbewußt“ dahinter ? Ich möchte eine These entwickeln, die im nächsten Kapitel auch klinisch behandelt wird: Man kann antisemitisches Denken, Empfinden und Agieren, ja die Frage nach dem Jüdischen überhaupt – neben anderen Anteilen – als Ausdruck einer „Suche nach dem Identischem“, oder auch als „Suche nach Identität“ verstehen. Wer „Identität“ sagt, kann damit meinen, was er will, und sich dennoch durch ein unsichtbares Band mit allen anderen verbunden fühlen, die ebenfalls ‚Identität’ sagen und damit meinen, was sie wollen. ‚Identität’ zählt damit zu jenen Metaphern, die nicht deshalb gebraucht werden, um etwas ganz bestimmtes unmißverständlich zu be- zeichnen, sondern die man verwendet, um etwas Unbestimmtes auszudrücken und sich doch in der Unbestimmtheit mit anderen einig zu glauben (vgl. Wolf-Dieter Narr, 1989, S. 68). In der Psychoanalyse, vor allem da, wo sie sich mit Kultur, mit kultureller Identität beschäftigt, begreift diese – wie auch den Charakter – als einen Verweis auf eine „ge- ronnene...

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