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Mit-Leiden Gottes

Ein vergessener Aspekt des biblischen Gottesbildes- Wiedergewinnung eines durch das Eindringen griechisch-metaphysischen Denkens in die frühe Kirche verstellten Aspektes biblischer Gottesoffenbarung an Hand ihres entsprechenden dialogischen Seinsverstä

Helga Kasan

Gott könne nicht leiden, war die selbstverständliche Implikation der Gottesvorstellung der frühen Kirche, die im Grunde bis heute nicht völlig überwunden scheint. Wurzel dieser Sicht ist jedoch nicht die Heilige Schrift, vielmehr resultiert sie aus dem Bemühen, das Christliche im Denkhorizont des griechischen Seinsverständnisses zu artikulieren, wobei unreflektiert dessen metaphysische Folgerung übernommen wurde: der sich selbst genügende, apathische, von dieser Welt unberührbare unbewegte Beweger (Aristoteles). Daß dabei ein, ja vielleicht der wesentliche Aspekt des biblischen Gottesbildes verdrängt wurde, das aufzuzeigen ist Anliegen dieser Arbeit. Der Gott beider Testamente ist demgegenüber der sich um den Menschen und die Welt Kümmernde, sich ihrer Annehmende, ja vom Leid in ihr zuerst Betroffene und also Mit-Leidende. Dieser Gedanke prägt schon die rabbinische Religiosität, leuchtet in der Mystik auf und tritt seit dem Aufbrechen des dialogischen Seinsverständnisses im 20. Jahrhundert wieder ins Blickfeld (Heschel, Bonhoeffer, Moltmann). Leid bräuchte nicht der Fels des Atheismus zu sein, würde Gott, wie er sich im Alten und dann vor allem im Neuen Bund bezeugt hat, als der Mit-Leidende und damit Tröstende ernst genommen.

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III. „ICH BIN MIT DIR“. DER ALTTESTAMENTLICHE BEFUND 69

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69 III. „ICH BIN MIT DIR“. DER ALTTESTAMENTLICHE BEFUND Die Selbstaussage – der Zuspruch – Gottes im Alten Bund Einleitung: Rede Gottes (Offenbarung auf dem Hintergrund dialogischen Seinsverständnisses) Aus dem Voraufgehenden334 mag schon sichtbar geworden sein, wie dialogi- sches Seinsverständnis den Raum eröffnet, in dem christlicher Glaube (erst) adäquat ausgesagt werden kann. Wo Existieren als Im-Bezug-, im-Verhältnis- der-Sage-Stehen begriffen wird, die als ‚Darreichen von Welt‘ das Auf-sie- Hören als ‚Sich-sagen-Lassen‘ (Heidegger) provoziert, ist von vornherein auf die Unmittelbarkeit des Vollzugs im Gegenüber abgehoben. Nicht schiebt sich ein depositum fidei dazwischen, dessen Inhalte i. S. aristotelischer kategorialer Ur- teilslogik für wahr zu halten sind. Nicht Satz-Wahrheiten sind ‚Gegenstand‘ des Glaubens. Erst wo Sein als worthaft, das heißt als Zu-spruch, als An-ruf und An- spruch verstanden ist, kann das – nicht anders als – in der (Unmittelbarkeit der) Beziehung geschehen. Solches Wort-Ereignis (des Zuspruchs des Seins) hat demnach prinzipiell nicht den Charakter der Sachverhaltsfeststellung. Als ur- sprünglich dia-logisches Wortereignis, als dia-legein, gründet es als seinem ‚Woher‘ im ‚Du‘, das nicht (etwas) aus-sagt, sondern (sich) zu-sagt, sich dem Gegenüber öffnet, sich seinem Du offen-bart. Solches Seinsverständnis erst er- möglicht ein adäquates Verständnis von ‚Offenbarung‘. Wo alles Seiende ‚Rede‘ ist, Ruf und Anspruch letztlich jenes letzten und eigentlichen Du, das sich mir zu-sagt, mich beansprucht, bin ich persönlich gemeint. Dialogisches Seinsver- ständnis eröffnet somit allererst den Horizont für ein personales Verständnis von ‚Offenbarung‘ bzw. auch von ‚Glauben...

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