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Sinceritas: Der poetologische Begriff in Hermann Hesses Prosawerk

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Veronica Alina Buciuman

Ziel dieser Arbeit ist, durch eine interdisziplinäre Annäherung an Hermann Hesses Prosa die zentrale Rolle des sinceritas-Konzeptes in der hesseschen Poetik hervorzuheben. Sinceritas erweist sich als dynamischer Begriffskomplex, der immer der Epoche gemäß definiert werden muss. Die geistesgeschichtliche Tradition nimmt sinceritas entweder als moralische Aufrichtigkeit oder als ästhetische Authentizität wahr. Hermann Hesse gelingt es dem Geist der Moderne entsprechend, in den Werken Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf sowie Narziss und Goldmund eine überraschende sinceritas-Auffassung zu veranschaulichen. Rezeptionsästhetisch wirkt seine Prosa dank rhetorischer Authentizitätsstrategien aufrichtig. Ebenso versucht Hermann Hesse Lebensgeschichten darzustellen, die dem Ideal authentischer Existenz als Legitimierungsmittel sincerer Kunst näher kommen sollen.

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2. Teil: Poetik der sinceritas in Hermann Hesses Prosawerk 55

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55 2. Teil: Poetik der sinceritas in Hermann Hesses Prosawerk 2.1 Fragestellung und vorausgehende Überlegungen Die Fragestellung dieses Kapitels kreist um die Problematik der Fiktion und des Bekenntnisaktes bzw. der Beichte. Soweit bekannt, erfüllt das Bekenntnis oder die Beichte eine Läuterungsfunktion. Der Akt des freiwilligen Aussprechens ei- gener Mängel, Überzeugungen oder Sünden spielt in der christlichen Religion eine schwerwiegende Rolle, die zur Reinigung der Seele und des Geistes führen sollte. Hinzu tritt als Belohnung die Bestätigung und Befestigung der Subjekt- identität, die durch die Kraft des bekennenden Wortes zu einer höheren Entwicklungs- und Existenzstufe gelangt. In Hermann Hesses Fall beginnt für den Kritiker das poetologische Dilemma an dem Punkt, wo man nicht mehr entscheiden kann, ob seine Romanfiguren als erwünschte, aber im wirklichen Leben nicht existente Projektionen imaginierte Rollen des schriftstellerischen Selbst spielen, oder ob diese Romanfiguren als fiktive Geschöpfe analysiert werden müssen. Lange Zeit hat sich die Hermann Hesse-Forschung um eine autobiographische Deutung der Prosa bemüht, indem sie in den hesseschen Romanpersonen Doppelgänger des Schriftstellers gelesen hat. Unabhängig davon, ob diese Romanpersonen einen Mangel im Erlebnis- horizont des Schriftstellers aufheben oder als Verkörperung persönlicher Dämo- nen zu verstehen sind (die durch den bekennenden Akt des Schreibens exorziert werden), erblickt man in Hermann Hesses literarischen Akt einen fast ver- zweifelten Versuch, die Prozesse menschlichen Erkenntnis- und Erlebnisver- mögens zu ergründen. Dies berechtigt mich zu behaupten, dass der Oberbegriff sinceritas im...

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