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Der halbierte Dichter? - «Hohe Poesie» und profane Welt

Wandlungen einer literarischen Konzeption bei Friedrich Gottlieb Klopstock

Helmut Pape

Im allgemeinen literarischen Bewusstsein liegt die eigentlich produktive Phase des Dichters Klopstock in seiner ersten Lebenshälfte, repräsentiert durch das Messias-Epos und einige Oden im Stile der neu konzipierten spirituellen hohen Poesie. Der andere Klopstock, jener der zweiten Schaffenszeit, gilt vielfach als inkommensurabel, als abwegig oder so gut wie nicht existent. Das betrifft vor allem den Verfasser gesellschaftskritischer, pragmatisch-profaner Texte. Das Prosawerk Die Deutsche Gelehrtenrepublik sowie die Oden und Schriften, die Klopstock, der spätere citoyen français, anlässlich der Französischen Revolution verfasst hat, gehören in diesen Zusammenhang. Beide Bereiche, der des sogenannten heiligen Dichters sowie des patriotischen, politikkritischen, rhetorischen Autors können nicht isoliert gesehen werden. Sie stehen gleichrangig in teils korrespondierender, teils kontroverser Wechselbeziehung.

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3 Welt und „Hohe Poesie“

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3.1 Ein mäzenatisches Jahrhundert? Klopstocks existenzielle Problematik zur Zeit seines Langensalzaer Aufenthaltes darf nicht auf sein glückloses Daphne–Fanny–Erlebnis reduziert werden. Da mit dem Entschluss, den „Messias“ zu vollenden, der Gedanke an den geplanten Eintritt in eine berufliche Laufbahn zweitrangig geworden war und auch bishe- rige Versorgungs- und Verdienstmöglichkeiten entfielen, wurde das Problem der existenziellen Sicherung akuter denn je. Die in diesem Zusammenhang ent- wickelten Projekte sind in literarsoziologischer, gesellschaftspolitischer und mentalitätsgeschichtlicher Hinsicht aufschlussreich. Ein erstes positives Signal für Klopstocks Anliegen ging schließlich vom „Messias“–Epos selbst aus und zwar dadurch, dass der Schweizer Literaturtheo- retiker Bodmer nach der Lektüre der ersten drei Gesänge sich dem jungen Dichter beratend zuwandte und ihn schließlich zu sich nach Zürich einlud.89 Klopstock selbst hatte zunächst verschiedene Möglichkeiten einer existenziellen Versorgung erwogen, etwa die Übernahme eines Lehr- oder Erzieheramtes oder die mäzenatische Unterstützung durch die Großen der Welt. Bodmer, der sich bald zum „Evangelisten“ des „Messias“ berufen fühlte, lenkte die Aufmerksam- keit seines jungen Freundes auf verschiedene Projekte und knüpfte auch ent- sprechende Verbindungen, die Klopstock dann in eigener Regie weiter entwi- ckelte. Klopstock hatte sich zunächst mit dem an der Universität Göttingen tätigen Albrecht von Haller in Verbindung gesetzt, dessen episches Gedicht „Die Al- pen“ (1729) den Naturwissenschaftler auch als Dichter berühmt gemacht hatte. Ein Lehramt, etwa eine außerordentliche Professur der Schönen Wissenschaften oder eine andere leichtere Besch...

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