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Der halbierte Dichter? - «Hohe Poesie» und profane Welt

Wandlungen einer literarischen Konzeption bei Friedrich Gottlieb Klopstock

Helmut Pape

Im allgemeinen literarischen Bewusstsein liegt die eigentlich produktive Phase des Dichters Klopstock in seiner ersten Lebenshälfte, repräsentiert durch das Messias-Epos und einige Oden im Stile der neu konzipierten spirituellen hohen Poesie. Der andere Klopstock, jener der zweiten Schaffenszeit, gilt vielfach als inkommensurabel, als abwegig oder so gut wie nicht existent. Das betrifft vor allem den Verfasser gesellschaftskritischer, pragmatisch-profaner Texte. Das Prosawerk Die Deutsche Gelehrtenrepublik sowie die Oden und Schriften, die Klopstock, der spätere citoyen français, anlässlich der Französischen Revolution verfasst hat, gehören in diesen Zusammenhang. Beide Bereiche, der des sogenannten heiligen Dichters sowie des patriotischen, politikkritischen, rhetorischen Autors können nicht isoliert gesehen werden. Sie stehen gleichrangig in teils korrespondierender, teils kontroverser Wechselbeziehung.

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7 Immanenz des Pragmatischen

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406 7.1 Pensionen Wenn in Literaturgeschichten und anderen Darstellungen Klopstock als der erste deutsche Dichter bezeichnet wird, der die Poesie zu seinem Beruf gewählt hatte, so verband man damit gleichzeitig die Vorstellung von einer idealen Erhöhung dieses Dichtertums: Klopstock als poeta vates, als „Seher“407, eine Transzendie- rung in die frühesten Bereiche antiker Dichtung, in deren Tradition sich schon der Pforta–Schüler hineingeträumt hatte. Archaische und biblische Vorbilder sowie Dichter und Denker der Folgezeit faszinierten ihn mehr als alle anderen Bildungsziele. Diese Kategorie der dichterischen Sublimierung ist vor allem aus literarso- ziologischen Gründen interessant. Wenn man die Linie der so genannten „hohen Poesie“ in der klassischen Tradition weiter zurück verfolgt, so zeigt sich, dass die Existenz der Dichter etwa in der Frühzeit der attischen Stadtstaaten dadurch gesichert war, dass sie von der öffentlichen Hand versorgt wurden. Mit der Gründung des Imperium Romanum und des Übergangs der Staatsgewalt an eine vermögende Oberschicht bildete sich jene Art der Kulturförderung heraus, die als Mäzenat in die Geschichte einging und deren spätere Entartungserschei- nungen Klopstock, obwohl selbst Begünstigter, in der „Gelehrtenrepublik“ einer scharfen Kritik unterzieht. Oligarchische, feudale Herrschaftsstrukturen waren die Voraussetzung zu dieser Art der kulturellen Förderung, die den Nebeneffekt der Selbstverherrlichung des Spenders bewusst einkalkulierte.408 Dass er diesem historisch gewachsenen Schematismus nicht entgehen konnte, erkannte Klopstock spätestens, als ihm Friedrich V. von Dänemark 1750 eine Pension von 400 Rthl gewährte, damit er sein „Messias“–Epos...

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