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Idylle und Tragik im Spätwerk Goethes

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Annette Schneider

Die vorliegende Untersuchung zeigt, daß die Konstellation von Idylle und Tragik nicht nur als Schlüssel für die strukturgesetzliche Eigenart des goetheschen Spätwerks dient, sondern darüberhinaus seinen literaturgeschichtlichen Ort zu kennzeichnen vermag. Die beiden einleitenden Kapitel erstellen durch einen knappen Überblick über die geschichtlichen Wandlungen des Idyllischen und Tragischen die historisch-poetologischen Voraussetzungen, um die spezifische Art ihrer Verschränkung im goetheschen Spätwerk prägnant hervortreten zu lassen. Dessen Analyse bildet den Schwerpunkt der Untersuchung, die, neben den lyrischen Einzelzyklen, den Modifikationen des Idyllischen und Tragischen in drei, jeweils eine Gattung repräsentierenden, Werken nachgeht: dem Roman «Die Wahlverwandtschaften», der Lyrik des «West-östlichen Divan» und der «Faust-II»-Tragödie. Dabei stehen «Divan» und «Faust» komplementär zueinander: Während jener als Idylle im Zentrum das Tragische birgt, ist es in der Faust-Tragödie die Idylle, die die Schnittstellen der dramatischen Struktur, Krisis und Verwandlung, markiert. «Die Wahlverwandtschaften» nehmen eine Sonderposition ein: in ihnen wird die Idylle, Arkadien, als immer wieder verfehlte Intention in ihrer Abwesenheit thematisch.

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4 »DIE WAHLVERWANDTSCHAFTEN«. EINE TRAGISCHE IDYLLE

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4.1 DIE ABWESENDE IDYLLE 4.1.1 Park-Landschaft Auch der Roman »Die Wahlverwandtschaften« gehört in die Reihe der Werke, in denen die Idee der Idylle eine zentrale Rolle spielt. Die Idylle, der klassische »locus amoenus«1, stellt ursprünglich einen Ausschnitt freier Natur dar.2 Selbst wo sie später als Garten erscheint, bleibt ihr doch wesentlich ein Moment des ungekünstelt, ursprünglich Spontanen eigen. Doch im Roman gibt es die freie Natur nicht. Die »Natur« in der Welt der »Wahlverwandtschaften« ist immer bereits vom Menschen geformte, seinem Willen unterworfene Natur und dort, wo sie »ursprünglich« erscheint, ist gerade diese »Ursprünglichkeit« Kunst wie im Fall der Wiederzusammenlegung der drei, ursprünglich einen einzigen See bildenden Teiche. Die Idylle taucht im Roman nur in der Variante des Parks bzw. Gartens auf.3 Während jedoch der Garten, mit seinen »hohen Linden- alleen«, den »regelmäßigen Anlagen«4 ein Barockgarten5, im Bewußtsein der Schloßbesitzer eine vergangene Epoche repräsentiert (er schreibt sich noch von Eduards Vater her [II, 8: 294]), ist das gegenwärtige Interesse ganz auf die Gestaltung des Parks gerichtet. Er soll zum »englischen Landschaftspark« oder »-garten« gestaltet werden.6 Wie der Begriff sagt, weist sein Ursprung nach 1 »[…] ein schöner, beschatteter Naturausschnitt«, bestehend »aus einem Baum (oder mehreren Bäumen), einer Wiese und einem Quell oder Bach«. Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, (5. Aufl. 1965, 1. Aufl. 1948), S. 202. 2 Vgl. Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, a.a.O., S....

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