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Schuldlose Verantwortung

Vorgaben der Hirnforschung für Ethik und Strafrecht

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Michel Julien Friedman

Das Buch nimmt den von Hirnforschern vorgeschlagenen naturalistischen Standpunkt ein. Es fragt nach dessen Plausibilität hinsichtlich der Begründung unseres Schuldstrafrechts und den damit verbundenen Grundlagen philosophischer Ethik. Dabei erinnert sein Autor daran, dass unsere herrschenden Ethiken ein moralisierendes Werturteil unkritisch voraussetzen. Der Grund der Ethik scheint jenseits der Naturerklärungen zu liegen und sie erklären sich jeweils a priori für gut. Diese Zirkelhaftigkeit der Begründung von Ethik in den Konzepten einer Vernunftethik ist in den biologischen Begründungen von Ethik und Moral überwunden. Ethik und Moral fügen sich vollständig in den Nutzen der Lebensfunktionen menschlicher Individuen und ihrer sozialen Gemeinschaft ein. Der Autor spricht sich dafür aus, den Sinn juristischer Konzepte von Schuld und Strafe als eine Herausforderung anzunehmen, statt sie als eine Bedrohung für herrschende Systeme abzuwehren.

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3. Überwindung des Paradigmas der Ethik Kants 121

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121 3. Überwindung des Paradigmas der Ethik Kants 3.1 Gerhard Roths Vorschläge zu einer neuen naturalistischen Theorie des Handelns Die stets detaillierter werdenden Beschreibungen der biologischen Vorausset- zungen des menschlichen Entscheidens und Handelns bilden inzwischen eine stabile Grundlage für eine neuen Naturalismus. Die von zahlreichen Philosophen angenommene unüberwindbare Erklärungslücke zwischen der Neurobiologie und der Perspektive der ersten Person167, kann als überwunden angesehen wer- den. Es ist nicht mehr prinzipiell ausgeschlossen, den qualitativen Charakter geistiger Prozesse mit Hilfe naturwissenschaftlicher Theorien verständlich zu machen. Die oben beschriebenen Forschungsergebnisse biologischer Wissen- schaften sprechen für einen sehr engen und kausalen Zusammenhang zwischen neuronalen und mentalen Zuständen. Gleichwohl, und hierauf weist besonders Gerhard Roth hin, „ist es nicht ohne weiteres möglich zu erklären, warum eine bestimmte neuronale Aktivität aus der Perspektive der ersten Person als bewußte Erfahrung mit einer ganz spezifischen Qualität erlebt wird“168. Doch werde oft außer acht gelassen, „daß die Fähigkeit, sozialen Normen zu folgen, an bestimm- te Bedingungen auch auf der neuronalen Ebene geknüpft ist. Die Hirnforschung kann untersuchen, ob diese Bedingungen erfüllt sind.“169 Zu diesen Bedingun- gen gehören nicht zu bestreitenden Positionen zur Frage des freien Willens. Roth verweist auf die vielfach bestätigten Grundaussagen der Experimente von Ben- jamin Libet. Es gilt als unbestreitbar, dass sich das berühmte Bereitschaftspo- tential sogar schon ein bis zwei Sekunden vor Beginn einer Willkürbewegung aufbaut. Es „gliedert sich in ein auf beiden...

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