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Im Schatten eines anderen?

Schiller heute

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Edited By András F. Balogh, Imre Kurdi, Magdolna Orosz and Péter Varga

Am Anfang eines neuen Jahrhunderts feierte man im Jahre 2009 den 250. Geburtstag von Friedrich Schiller. Das wichtigste Anliegen der Konferenz, die aus diesem Anlass am Lehrstuhl für deutschsprachige Literaturen am Germanistischen Institut der Eötvös Loránd Universität (ELTE) Budapest veranstaltet wurde, bestand darin, Schillers Werk (wenn auch nicht seine Person) aus dem Schatten zu holen. Nicht so sehr aus dem Schatten Goethes – was ja ebenso unmöglich wie unnötig ist –, sondern aus dem der Vergessenheit und des Verdachts, ganz und gar museal geworden zu sein. Neu gelesen wurden sowohl die dichterischen als auch die theoretischen Texte Schillers, um zu prüfen, was sie dem Leser hier und heute zu bedeuten vermögen.

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1. Das Erhabene und die Moderne

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11 Pierre Béhar Schiller als Erbe der Tradition des barocken Märtyrerdramas Wie alle menschlichen Phänomene ist auch die Literatur grundsätzlich histori- scher Natur. Die literarischen Werke entstehen entweder als Fortsetzungen, Ent- wicklungen früherer Werke, oder als Reaktion gegen frühere Werke: Sie sind immer auf irgendeine Weise vom bereits Geschaffenen abhängig. Auch die Lite- ratur kennt die Urzeugung nicht. Schillers dramatische Werke bilden keine Ausnahme. Einige stehen sogar in einer deutschen Tradition, die ins 17. Jahrhundert zurückreicht: bis in die Anfän- ge des deutschen barocken Märtyrerdramas. Diese frühen deutschsprachigen Dramen, so wie sie Opitz gewünscht hatte, waren selber eine Reaktion gegen das lateinische Jesuitendrama. Die berühmteste unter diesen Reaktionen ist Andreas Gryphius’ Leo Armenius (1650), der eine Umarbeitung und Umdeutung des Leo Armenus (1645) des Jesuiten Joseph Simon bedeutete. Der Jesuitenpater hatte aus der Geschichte des byzantinischen Kaisers Leo der Armenier ein Symbol des Streites zwischen Katholiken und Protestanten gemacht. Leo der Armenier ge- hörte zu den Bilderstürmern; er wurde von seinem General Michael dem Stotte- rer, lateinisch Michael Balbus, der zu den Bildverehrern zählte, gestürzt und er- mordet. Symbolisch vertraten die Bilderstrümer die Protestanten und die Bilder- verehrer die Katholiken: der Sieg des Michael Balbus über Leo den Armenier wurde vom Jesuitenpater als Sieg des wahren, katholischen Glaubens über die lutherischen und kalvinistischen Häretiker und Schismatiker gefeiert. Das Werk des Lutheraners Gryphius bildet einen starken Konstrast zu dieser manicheistischen Deutung der...

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