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Der Geschäftsführer in der Insolvenz der Gesellschaft

Eine rechtsvergleichende und rechtsökonomische Betrachtung von GmbH und LLC

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Vanessa Seibel

Bei jeder Gesellschaft mit beschränkter Haftung stellt sich die Frage, wie die Gläubiger vor Risiken geschützt werden, die mit Missbrauch bei materiell unterkapitalisierten Gesellschaften einhergehen. Das US-amerikanische und das deutsche Recht haben gegensätzliche, sich aber dynamisch entwickelnde Antworten gefunden. Bei der LLC gilt das Primat der Privatautonomie: Eine Insolvenzantragspflicht gibt es nicht, die Haftung des Geschäftsführers ist dispositiv, Derivative Claims der Gläubiger sind unbekannt. Das deutsche Recht setzt auf ein formalisierendes System strikter Regelsätze. Neben der Eröffnung des Insolvenzverfahrens hindern die umfassende Haftung des Geschäftsführers (§ 15a Abs. 1 InsO, §§ 64, 43 GmbHG) und die Anfechtung (InsO, AnfG) das freie Wirtschaften. Eine funktionale Analyse erlaubt es, Grundlagen, Defizite und Entwicklung beider Ansätze aufzuzeigen.

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2. Kapitel: Interessenkonflikte während der Insolvenz

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Gesellschaften wirtschaften während der Insolvenz auf Kosten der Gläubiger. So lautet die These, mit der die Situation der Gesellschaft bei extremer Knappheit der Mittel charakterisiert wird. Inwiefern diese Annahme – spezielle Gesetze in absentia – auf realistischen Prämissen beruht, lässt sich anhand des Denkgerüsts der Prinzipal-Agenten-Theorie beleuchten.25 Diese bietet zur Problembe- schreibung einen hilfreichen Rahmen, da die ökonomische Methodik eine Prog- nose über die Verhaltensweisen von Gesellschaftern und Geschäftsführern er- laubt, auf die das Recht Einfluss zu nehmen sucht. Die Prinzipal-Agenten-Theorie dient dazu, die Anreize für einzelne Akteure zu untersuchen, ohne das Marktgeschehen auf einen bloßen Güteraustausch zu einem exogen festgesetzten Preis zu reduzieren.26 Sie rückt den Vorgang des Güteraustausches selbst in den Vordergrund. Sobald ein Auftraggeber (Prinzi- pal) von den Handlungen eines Auftragnehmers (Agent) abhängig ist, muss der Agent auf fremde Interessen Rücksicht nehmen und die eigenen vernachlässi- gen.27 Legt man die Prämisse eines beschränkt rational und nutzenmaximierend handelnden Akteurs28 zugrunde, neigt der Agent dazu, den eigenen Vorteil zu suchen, insbesondere indem er eigene Aufwendungen vermeidet. Die Einhaltung der Pflichten des Agenten ist für den Prinzipal nicht kostenlos überprüfbar, so- weit sich die von ihm eingesetzten Informationen oder seine Handlungen nicht vollständig in dem erzielten Ergebnis widerspiegeln. Dem Agenten bleibt folg- lich Raum für die Verfolgung eines divergierenden Ziels. Seine Handlungs- 25 Zu den Erweiterungen durch die Verhaltensökonomik bieten Pesendorfer, 44 J. Econ. Lit. 712 ff. (2006) und Malmendier/Camerer...

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