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Kollektive Identitätskonstruktion in der Migration

Eine Fallstudie zur Sprachkontaktsituation der Wolgadeutschen in Argentinien

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Anna Ladilova

Welche Rolle spielt die Gruppensprache bei der kollektiven Identitätskonstruktion in der Migration? Das Beispiel der Wolgadeutschen in Argentinien, die nach über 250 Jahren seit der ersten Auswanderung die ursprüngliche Sprache und Kultur aufrecht erhalten haben, eignet sich im besonderen Maße zur Beantwortung dieser Frage. Diese Studie wertet 381 Fragebögen und 12 Interviews quantitativ und qualitativ aus, um das Thema aus einer interdisziplinären Perspektive zu beleuchten. Sprachkenntnisse, -verwendungen und Einstellungen der Mitglieder der untersuchten Gruppe, Sprachkontaktphänomene in ihrer Rede sowie die Frage nach dem ethnic revival und dem kollektiven Gedächtnis werden miteinander in Verbindung gesetzt, um einen umfassenden Einblick in die untersuchte Fragestellung zu geben.

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1. Einleitung

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Zu der Migrantengruppe der Wolgadeutschen gehören Menschen, die zweimal als Gruppe umgesiedelt sind: zuerst 1763 von deutschsprachigen Ländern nach Russland an die Wolga und danach 1874 nach Argentinien, wo sie sich vor al- lem in den Provinzen Entre Ríos, Buenos Aires und La Pampa niederließen. Trotz dieser über 250 Jahre zurückreichenden Migrationsgeschichte und der da- rauf folgenden mehrfachen Kontaktsituation hat die Gruppe die ursprüngliche Kultur und Sprache bis heute weitgehend aufrechterhalten. Diese Tatsache zeichnet sie gegenüber den meisten anderen Migrantengruppen in Argentinien aus.1 Die Gründe für diese Beibehaltung ursprünglicher Sprache und Kultur liegen einerseits in den soziopolitischen Bedingungen in den beiden Siedlungsländern, andererseits spielte der Konservatismus der untersuchten Gruppe eine bedeuten- de Rolle. Dieser führte auch in Argentinien dazu, dass sich die Wolgadeutschen in geschlossenen und homogenen Siedlungen niederließen, die Sprachinseln in der spanischsprachigen Umgebung darstellten. In diesen bildete sich eine eigene Sprachvarietät – das Wolgadeutsche2 – heraus, das aus einer Mischung deut- scher Mundarten besteht und durch die Einflüsse der Kontaktsprachen (Russisch und Spanisch) gekennzeichnet ist. Das Wolgadeutsche ist aber keine einheitliche Varietät, sondern unterscheidet sich vor allem regional und in Bezug auf das Al- ter der Sprecher. Ab 1950 hat im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel (Verbot des Deutschunterrichts, Migration in Großstädte) eine Integration in die argentini- sche Gesellschaft stattgefunden. Im Zuge dieser erwarben auch die in Sprachin- selgemeinschaften lebenden Wolgadeutschen die spanische Sprache, wobei die Verwendung der eigenen Sprachvarietät, nicht...

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