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Kollektive Identitätskonstruktion in der Migration

Eine Fallstudie zur Sprachkontaktsituation der Wolgadeutschen in Argentinien

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Anna Ladilova

Welche Rolle spielt die Gruppensprache bei der kollektiven Identitätskonstruktion in der Migration? Das Beispiel der Wolgadeutschen in Argentinien, die nach über 250 Jahren seit der ersten Auswanderung die ursprüngliche Sprache und Kultur aufrecht erhalten haben, eignet sich im besonderen Maße zur Beantwortung dieser Frage. Diese Studie wertet 381 Fragebögen und 12 Interviews quantitativ und qualitativ aus, um das Thema aus einer interdisziplinären Perspektive zu beleuchten. Sprachkenntnisse, -verwendungen und Einstellungen der Mitglieder der untersuchten Gruppe, Sprachkontaktphänomene in ihrer Rede sowie die Frage nach dem ethnic revival und dem kollektiven Gedächtnis werden miteinander in Verbindung gesetzt, um einen umfassenden Einblick in die untersuchte Fragestellung zu geben.

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6. Zusammenfassung und Ausblick

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Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stand die Frage der kollektiven Identitätskonstruktion der Wolgadeutschen in Argentinien und die Rolle des Wolgadeutschen in diesem Prozess. Im Fall der Konstruktion der wolgadeut- schen Gruppenidentität kann von „rekonstruierender Nachschrift“ im Sinne von Straub (2004: 98f.) gesprochen werden. Im Gegensatz zur „normierenden Vor- schrift“ werden die gemeinsamen Gruppenmerkmale nicht vorgegeben, sondern basieren auf gemeinsamen Praktiken, auf Kommunikation und Interaktion der Gruppenmitglieder. Die Wolgadeutschen identifizieren sich mit Traditionen und Praktiken sowie mit Orientierungen und Zielen der eigenen Gruppe und verhal- ten sich entsprechend. So entwickeln die Befragten ihr Gruppenbewusstsein aus der ursprünglichen Herkunft sowie aus den alltäglichen und rituellen Handlun- gen wie der Sprachverwendung, der Teilnahme an wolgadeutschen Tanzgrup- pen, Vereinsaktivitäten und wolgadeutschen Festen. Das gemeinsame Ziel der Befragten bei der Ausführung dieser Handlungen ist es, die wolgadeutschen Traditionen zu pflegen. Die Geschlossenheit der wolgadeutschen Netzwerke führt neben diesen Praktiken zu intensiven Kommunikations- und Interaktions- prozessen, die das Gruppenbewusstsein stärken. Die Unterschiede zu den Nicht-Wolgadeutschen bilden ebenfalls das ethnische Selbstverständnis der Befragten, denn die Reflexivwerdung der Identität erfolgt durch Alterität. So empfinden die meisten Informanten die Mitglieder der eige- nen Gruppe zum Beispiel als fleißiger, ordentlicher, verlässlicher und freundli- cher als die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft. Dass diese Abgrenzung zum Vorteil der eigenen Gruppe erfolgt, spricht dafür, dass die negativen Zuschrei- bungen seitens der argentinischen Mehrheitsgesellschaft, die sich in Diskrimi- nierungen äußerten, ins Positive umgedeutet und als Distinktionsmerkmale von der Mehrheitsgesellschaft verwendet...

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