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Mythos Demokratie

Antike Herrschaftsmodelle im Spannungsfeld von Egalitätsprinzip und Eliteprinzip

Harald Haarmann

Demokratie ist das am weitesten verbreitete gesellschaftspolitische Modell in der Welt, und es wird lebhaft darüber diskutiert. Wir leben mit allerlei Vorstellungen von dem, was Demokratie ist oder sein könnte, und vieles davon ist mythisch verklärt. Wir glauben zu wissen, dass die Griechen der Antike diese Herrschaftsform erfunden hätten. In diesem Buch wird der sprach- und begriffsgeschichtliche sowie allgemein kulturwissenschaftliche Nachweis geführt, dass die Griechen viele Traditionen der vorgriechischen Bevölkerung angenommen und fortgesetzt haben, und dazu gehört auch das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung in den Dorfgemeinschaften (Demen). Die vorgriechischen Kulturen Südosteuropas sind inzwischen recht gut erforscht, so dass heutzutage Vergleiche zwischen dem Gesellschaftsmodell Alteuropas und den Herrschaftsformen der griechischen Antike auf festem Grund stehen. Die Ursprünge der griechischen Demokratie sind in der vorgriechischen Ära zu suchen. Die griechische Demokratie des Athener Staates erlangte Vorbildcharakter und wurde in späteren Perioden als rekursives Modell erneuert. Die Erkenntnisse zu kulturhistorischen Langzeitwirkungen fordern zu einem Paradigmenwechsel für die Antikenforschung heraus.

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5. Demokratie in der Polis (1): Die halbherzige Demokratie – Solon und das Aufbegehren gegen das Machtmonopol der neureichen Aristokraten

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Das 6. Jahrhundert v. Chr. ist die Epoche der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Reformen, als Gegengewicht zur aufstrebenden Klasse der neu- reichen Großgrundbesitzer, die seit dem 8. Jahrhundert den Einfluss der traditio- nellen Aristokratenfamilien untermauert hatten und für sich Sonderrechte bean- spruchten. Wer sich mit den Entstehungsbedingungen der Demokratiebewegung im antiken Griechenland beschäftigt, der wird mit dem Wirken des ersten großen Reformers, Solon (638-558 v. Chr.), konfrontiert (Blok/ Lardinois 2006). Solon wirkte in Athen und für die Athener, und was immer über die Geschichte des Reformwesens jener Zeit bekannt ist, betrifft den Athener Stadtstaat. Solon als Vorsitzender des Archonten-Rats Solon begann sein Reformwerk im Jahre 594 v. Chr., nachdem er als Mitglied des Areopags (archon) berufen worden war. Nominell war Solon einer der neun Archonten dieses Gremiums. Ihm wurde allerdings das Privileg der Namenge- bung für das Jahr seiner Amtszeit zugestanden. In der Zeitrechnung des antiken Athen wurden die Jahre nach dem jeweils für dieses Jahr gewählten „Vorsitzen- den“ der Archonten benannt. Das Jahr 594 v. Chr. rangierte also als „Jahr des Solon“ in der Athener Stadtgeschichte. Faktisch wurde Solon damit zum primus inter pares unter den Archonten der Polis. Diesen bevorzugten Status verdankte Solon der Aufmerksamkeit, die er bei den Athenern mit seinen patriotischen Ermahnungen zu einer Zeit (um 600 v. Chr.) gemacht hatte, als der Athener Stadtstaat in einen Krieg mit Megara über die Kontrolle des Seehafens von Salamis verstrickt war. Solon hatte die Wahl, sein Amt in eine „Tyrannei...

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