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Religiöse Reformvorstellungen als Krisensymptom?

Ideologen, Gemeinschaften und Entwürfe «arteigener Religion» (1871-1945)

Jörn Meyers

Gegenstand der Arbeit ist das Phänomen der «arteigenen Religion/Religiosität», welches in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist. Die Arbeit befasst sich sowohl mit den verschiedenen theoretischen Ansätzen prominenter Ideologen und Wegbereiter als auch mit den zahlreichen Strömungen und Gemeinschaften, die in gegenseitiger Konkurrenz standen. Anhand von Kriterien wie Aufbau und Organisation, soziale Basis oder Lehre wird herausgearbeitet, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschen Christen, Neugermanen oder okkulten Ariosophen liegen. Gleichzeitig wird der Frage nachgegangen, weshalb die artreligiösen Gemeinschaften ausgerechnet im Dritten Reich ihr Ende fanden. Der Autor nahm im Vorfeld an, dass es sich bei den Entwürfen arteigener Religion primär um eine Reaktion auf eine als bedrohlich empfundene Gegenwart, also um ein Symptom der Zeit handelt. Ziel der empirisch-deskriptiven Studie ist es daher, anhand des Quellenmaterials diese These zu be- oder auch zu widerlegen. Arteigene Religion – ein Symptom der Zeit? Ein Versuch, der «Moderne» mit ihren sozialen, kulturell-religiösen und ökonomisch-politischen Krisen eine nationale, der «deutschen Art und Rasse» gemäße religiöse Ordnung entgegenzusetzen?

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Teil B: Deutschchristentum

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1. Einleitung und Klassifizierung (allgemein) Der verbreitete Nationalismus und die notwendige Konsequenz, sich von fremden Einflüssen und internationalen Bestrebungen loszusagen, schloss auch die Frage der Religion ein. Denn die bestehenden christlichen Konfessionen, vor allem der Protestantismus, befanden sich in der Krise. „Zu den unmittelbar religionshistori- schen Voraussetzungen unserer Phänomene zählte die Auflösung ehemals ge- schlossener protestantischer Milieus, der kirchliche Liberalismus sowie die Exis- tenz freireligiöser und freidenkerischer Strömungen, aus denen nicht wenige der späteren völkischen Religionsstifter und -anhänger stammten.“480 Zu der allgemei- nen Kritik am überlieferten Christentum, der inhaltlich-organisatorischen Krise des Protestantismus, dem Religionspluralismus und der negativen Religionsfreiheit kam die konfessionelle Spaltung, die ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur nationalen, allumfassenden Einheit darstellte. Die Zeit für religiöse Reformen schien der politisch Rechten, den Nationalkon- servativen, Antisemiten und Völkischen, gekommen. Die Beteiligten waren sich einig, dass für jedes Volk und - im biologistischen Sinne - jede Rasse nur eine ei- gene, „arteigene“ Religion passen würde, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Volkes zugeschnitten sei. Dieses Konzept ließ sich mit dem tradierten Christentum nicht verwirklichen. Als internationale Weltreligion wurde es abgelehnt, zumal es orientalisch-jüdische Ursprünge habe und somit als „artfremd“ eingestuft wurde. Auf scharfe Kritik stieß vor allem der Katholizismus, dessen Oberhaupt (der Papst) im ausländischen Rom (Vatikan) seinen Sitz hatte und römische statt deutsche Inte- ressen vertreten würde. Nicht zuletzt wurde sich der seit den Humanisten bestehen- den allgemeinen...

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