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Der Geist der Freude

Studien zu den Vorlagen, zur Textgestaltung und zu den Konzeptionen der Jugendwerke des «anderen» Goethe

Jochen Bertheau

Die Werte, die in den Konzeptionen der Jugendwerke Goethes (bis zu Iphigenie, Faust und Meister) zum Ausdruck kommen, widersprechen grundsätzlich jenen des alten Goethe (Entsagung): Freude, Liebe, Mitleid. Neu gefundene Quellen zu Goethes Vorfahren, zu den Hochgradlogen und zu bisher vernachlässigten Werken von Voltaire oder Rousseau sowie Vergleiche der ersten mit späteren Fassungen und philologisch belegbare Ergänzungen zu fragmentarischen Werken erlauben fast überall eine neue Sicht auf die Werke des «anderen» Goethe, wie man neuerdings sagt. Auch die politische Gesinnung des jungen Goethe nähert ihn den revolutionären Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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II. Strukturen

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A. Vom Lakonismus zum entfaltenden Stil In Dichtung und Wahrheit erzählt der alte Goethe von den stilistischen Vorbildern seiner Jugendwerke, von Wieland, Klopstock und Lessing,74 und rühmt an ihnen den neuartigen Lakonismus, die Kunst, sich kurz und konkret auszudrücken. Von heute aus gesehen, überrascht das zumindest, denn gerade die Längen in Klopstocks Meßias machten diesen zu einem wenig gelesenen Werk, wie dann bereits Lessing feststellt. Wielands elegant hin- und herwiegender Stil ist manchmal recht unterhaltsam, wenn man sich die Zeit nimmt, ihn zu lesen, aber lakonisch ist dieser Stil auch nicht gerade. Lessings Dramen zeigen schon eher einen lakonischen Stil, was allein schon die dramatische Gattung bedingt. Manche seiner Aufsätze sind wirklich kurz gefasst (Die Zukunft des Menschengeschlechts), aber anderen merkt man die Freude an, sich sprechen zu hören. Aber immerhin ist Lessings Stil ein ausgesprochen mündlicher, er scheut sich nicht, „ich“ zu sagen, manche Sätze abzubrechen, Umwege zu machen mit hypothetischen Annahmen, die mit „Gesetzt, dass...“ beginnen und am Ende feststellen, es sei eben nicht so. Das englische Vorbild in Kürze ist dabei wirksamer als das französische der gleichen Zeit. Man vergleiche den breit oratorischen Stil in André Cheniers Philippe II mit der Vorlage, Schillers Don Carlos, oder eben dieses Cheniers „Über- setzung“ von Lessings Nathan in Alexandrinern. Immerhin sind Lessings Fabeln ein Muster an Lakonismus gegenüber den Fabeln von Lafontaine, und in der zugehörigen Abhandlung entwickelt Lessing auch eine Theorie des Lakonismus. Zeitgenossen fanden...

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