Show Less

Der Geist der Freude

Studien zu den Vorlagen, zur Textgestaltung und zu den Konzeptionen der Jugendwerke des «anderen» Goethe

Jochen Bertheau

Die Werte, die in den Konzeptionen der Jugendwerke Goethes (bis zu Iphigenie, Faust und Meister) zum Ausdruck kommen, widersprechen grundsätzlich jenen des alten Goethe (Entsagung): Freude, Liebe, Mitleid. Neu gefundene Quellen zu Goethes Vorfahren, zu den Hochgradlogen und zu bisher vernachlässigten Werken von Voltaire oder Rousseau sowie Vergleiche der ersten mit späteren Fassungen und philologisch belegbare Ergänzungen zu fragmentarischen Werken erlauben fast überall eine neue Sicht auf die Werke des «anderen» Goethe, wie man neuerdings sagt. Auch die politische Gesinnung des jungen Goethe nähert ihn den revolutionären Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

IV. Belsazer

Extract

A. Bedeutung Dass der ganz junge Autor Goethe, gerne „Rokoko-Goethe“ genannt, ein hochbegabter Dichter war, glaubt mancher schon an seinen angeblich anakreontischen Liedern und an seiner Laune des Verliebten, dem besten aller deutschsprachigen Schäferspiele, zu erkennen. Aber seine Ästhetik ist schon zu Anfang nicht jene des Rokoko und des Louis XV., sondern der Klassizismus Oesers und dessen Vorbilds Winckelmann, kunsthistorisch etwa Louis XVI. oder Zopfstil genannt. Fasst man nämlich die Überbleibsel des Belsazer (so schreibt er zuerst, dann Belsatzer, dann Belsazar wie in der Luther-Bibel) bei der Lektüre zusammen, so kann man nur bedauern, dass Goethe seinen Dramenerstling später verbrannte - angeblich vor dem 12.Oktober 1767, als er der Schwester schrieb: „Belsatzer, Isabel, Ruth Selima pppp haben ihre Jugendsünden nicht anders als durch Feuer büßen können.“121 Tatsächlich ist von Ruth, Isabel, Selima (soll das ein Salomo sein wie Klopstocks Drama 1764 oder Sulamith oder Salome oder (Hiero)solyma?) nichts erhalten. Dagegen zitiert Goethe in seinem 1779 begonnenen Romanfragment Wilhelm Meisters theatralische Sendung noch ausführliche Auszüge und eine umfangreiche Inhaltsangabe des Belsazer, den er der Figur Wilhelm Meister zuschreibt. Es ist auch dem besten Gedächtnis nicht zuzutrauen, so umfangreiche Textreste über 12 Jahre auswendig behalten zu haben., wie Sauder behauptet.122 Ganz offensichtlich hat Goethe dieses Werk als Ganzes oder in Teilen so hoch geschätzt, dass er die Handschrift bis zur „Wiederverwendung“ aufbewahrte und erst dann vernichtete, als er alles irgendwie Verwendbare hatte abschreiben lassen, wie bei ihm auch...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.