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Der Geist der Freude

Studien zu den Vorlagen, zur Textgestaltung und zu den Konzeptionen der Jugendwerke des «anderen» Goethe

Jochen Bertheau

Die Werte, die in den Konzeptionen der Jugendwerke Goethes (bis zu Iphigenie, Faust und Meister) zum Ausdruck kommen, widersprechen grundsätzlich jenen des alten Goethe (Entsagung): Freude, Liebe, Mitleid. Neu gefundene Quellen zu Goethes Vorfahren, zu den Hochgradlogen und zu bisher vernachlässigten Werken von Voltaire oder Rousseau sowie Vergleiche der ersten mit späteren Fassungen und philologisch belegbare Ergänzungen zu fragmentarischen Werken erlauben fast überall eine neue Sicht auf die Werke des «anderen» Goethe, wie man neuerdings sagt. Auch die politische Gesinnung des jungen Goethe nähert ihn den revolutionären Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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IX. Prometheus

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A. Bedeutung Die Zeitgenossen des jungen Goethe konnten nicht über dessen Dramenfragment Prometheus von etwa 1773 (zwei von fünf Akten) diskutieren, weil es erst viel später publiziert wurde, sondern nur über die aus Dramenelementen zusammengebaute Ode Prometheus von etwa 1774. Goethe behauptete zwar später, sie sei eine Szene aus seinem Drama, aber das trifft nicht zu. Sie ist ein Rollengedicht, eine Art Monodrama wie Pygmalion von Rousseau, das Goethe sehr bewunderte, wie Proserpina von Goethe selber, das er später in ein Drama eingliederte. Hier spricht eine bestimmte mythologische Figur in ihrer bestimmten Grundsi- tuation, im Rückblick auf die Vergangenheit, in Betrachtung des gegenwärtigen Konflikts und im Ausblick auf eine Veränderung, Entscheidung, Lösung oder Katastrophe. Diese Ode wurde Anfang der 1780er-Jahre durch Jacobi, Lessing und Mendelssohn bekannt. Lessing äußerte, er erkenne darin, eben in der Rebellion des Prometheus gegen die Götter, seine eigene Rebellion gegen einen christlichen Offenbarungsgott und seine religiöse Entscheidung, die man deistisch oder agnostisch nennen mag. Jacobi, der wie Lavater an geheime Offen- barungen Gottes auch in der Gegenwart glauben wollte, forderte daraufhin Mendelssohn auf, sich vom jüdischen zum christlichen Glauben zu bekehren, weil dieser nachweislich die richtige Offenbarungsreligion sei. Dieses Vorgehen Jacobis habe, wie Goethe in Dichtung und Wahrheit berichtet,261 die letzten Lebensjahre Mendelssohns verdüstert. Es fällt aber sowohl bei Lessings wie bei Jacobis Thesen auf, dass beide Schriftsteller ohne jegliche Differenzierung den mythischen griechischen Zeus problemlos mit dem Christengott gleichsetzten, was...

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