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Die antike Unterwelt im christlichen Mittelalter

Kommentierung ‒ Dichtung ‒ philosophischer Diskurs

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Petra Korte

Mit dem Siegeszug des Christentums war der Kosmos der antiken Mythologie nicht obsolet geworden. Er lebte fort in den Bildungstraditionen. Um das unterirdische Totenreich entstand dabei ein besonderer Diskurs. Das mythische Szenario hatte mit seinen archaischen Jenseitsvorstellungen schon in der Antike eine übertragene philosophisch-psychologische Deutung provoziert, die sich insbesondere an Vergils Aeneis anschließen konnte. Vermittelt durch die spätantike Dichterkommentierung, diente die allegorische Hermeneutik manchen karolingischen Literaten vor allem zur Rechtfertigung der Mythenlektüre. Spätere Exegeten entwickelten sie schließlich zu einer genuin mittelalterlichen Lesart fort, die den Elementen des Unterweltszenarios ihre jeweils eigene Bedeutsamkeit zuwies. Weit über eine bloße Analogie zur Hölle hinaus wurde so das mythologische «Infernum» als universeller literarischer Verhandlungsort für die Bedingungen menschlichen Daseins etabliert – eine Entwicklung, die diese Untersuchung anhand von Zeugnissen aus Dichtung und paratextueller Überlieferung bis hin zu ihrem Abschluss in Dantes Commedia nachvollzieht.

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V. Die Unterwelt in der ‘Metamorphosen’-Kommentierung ‒ Paradigmenwechsel mit Ovid

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Die Emergenz der ‘Metamorphosen’ Ovids im zwölften Jahrhundert ist eines der auffälligsten Phänomene der klassischen Tradition im Mittelalter1099. Die geradezu bi- polare Rezeptionsgeschichte der Verwandlungssagen führte vom marginalen Interesse, das sie in der Karolingerzeit erregten, bis zur regelrechten Begeisterung im Hoch- und Spätmittelalter, Traubes mittlerweile sprichwörtlicher aetas Ovidiana1100. Die Gründe sind schwer zu bestimmen. Zwar waren die ‘Metamorphosen’ nicht im Lektürekanon des (spät)antiken Schulbetriebs enthalten1101, was eine gewisse Benachteiligung im ka- rolingischen Programm der translatio studiorum bedeutete1102. Dies gilt indes ebenso für andere Werke Ovids, und trotzdem waren die Exildichtungen in manchen1103, die Liebesdichtungen ‒ überraschend genug angesichts der ausschließlich klerikalen Le- serschaft ‒ sogar in den meisten Ovidmanuskripten des frühen Mittelalters verbrei- tet1104. Möglicherweise fehlte es den ‘Metamorphosen’ zunächst an einem Sitz im Le- ben und damit an Aufmerksamkeit. Eine Lektüre zur reinen Unterhaltung verbot sich, und für eine utilitaristische Auseinandersetzung mit der Mythologie standen andere Quellen wie Fulgentius oder der Este und Zweite Vatikanische Mythograph zur Verfü- 1099 Ohnehin ist das Ovid-Bild im Mittelalter disparat; Einblick in die mittelalterliche Ovid-Tradition gewähren der Sammelband CLARK ‒ COULSON ‒ MCKINLEY (Hgg.), Ovid in the Middle Ages; außerdem MUNARI, Ovid im Mittelalter, auch ALTON ‒ WORMELL, Ovid in the Mediaeval Schoolroom, sowie ROBATHAN, Ovid in the Middle Ages. 1100 TRAUBE, Vorlesungen und Abhandlungen, Bd. 2, S. 113. 1101 Vgl. TILLIETTE, Savants et poètes du moyen âge face à Ovide, S. 65; KEITH ‒ RUPP, After Ovid, S....

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