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Literarische Konstruktionen autobiographischer Subjektivität in der «nouvelle autobiographie»

Samuel Beckett – Nathalie Sarraute – Claude Simon

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Christiane Sauer

Ausgehend von den Essais Montaignes und den Confessions Rousseaus, untersucht die Arbeit Prämissen neueren autobiographischen Schreibens in Frankreich unter Referenz auf zeitgenössische französische Theoriebildungen. Die aus dem nouveau roman hervorgehende nouvelle autobiographie setzt sich aus dokumentarischen bzw. biographischen, (meta-)fiktionalen und (meta-)reflexiven Textfragmenten zusammen, in deren Montage sich die Brüchigkeit und Fragwürdigkeit von Identität spiegelt. Der Hauptteil geht der Frage nach, wie Samuel Beckett, Nathalie Sarraute und Claude Simon in Abkehr von der anti-subjektivistischen Poetik des nouveau roman in ihren zur nouvelle autobiographie zählenden Texten Compagnie, Enfance und Le Jardin des Plantes neue Formen autobiographischer Subjektivität konstituieren. Diese ergibt sich aus dem Zusammenspiel von (Meta-)Reflexion des Schreibprozesses, Werkaufarbeitung und Sprachkonzeption der Autoren und wird im Text in einem performativen Akt ästhetisch realisiert. Die im Text generierte autobiographische Subjektivität verweist nicht mehr auf den Autor als empirische Person, sondern auf eine ästhetische Konzeption, durch die sich ein Künstlersubjekt definiert.

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4 Vom nouveau roman zum nouveau nouveau roman

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1960 dokumentiert Bodo Müller einen Wandel in der Ausrichtung der französi- schen Literatur, das Resultat einer „[...] seit etwa hundert Jahren sich stetig ver- schärfenden Sprachskepsis, die berechtigt, insbesondere die französische Litera- tur ab Flaubert grosso modo als eine Literatur des Sprachproblems zu bezeich- nen.“76 Auch Roland Barthes weist in Le bruissement du langage auf die verän- derte Haltung der französischen Literaten hin und fordert ein neues Sprach- und Literaturverständnis. Pour la littérature, au contraire, du moins celle qui s’est dégagée du classicisme et de l’humanisme, le langage ne peut plus être l’instrument commode ou le décor lu- xueux d’une « réalité » sociale, passionnelle ou poétique, qui lui préexisterait et qu’il aurait subsidiairement à charge d’exprimer, moyennant de se soumettre à quel- ques règles de style : le langage est l’être de la littérature, son monde même […]. 77 Im Zuge der wachsenden Argwohns gegenüber der mimetischen Potenz der Sprache formiert sich eine Gruppe von Literaten, die Nouveaux Romanciers78, die sich vom traditionellen, realistischen Erzähldiskurs des 19. Jahrhunderts emanzipieren, indem sie sich dem Diktat der mimetischen Referenz verweigern. Obwohl die beteiligten Autoren79 zu stark divergierenden individuellen Aus- drucksformen gelangen, verbindet sie das Bedürfnis der Überwindung des rea- listischen Erzählmodus des 19. Jahrhunderts, den sie insbesondere mit Balzac assoziieren. Das von Balzac verfolgte literarische Projekt, im Mikrokosmos des Textes den Makrokosmos Welt bzw. Gesellschaft in all seinen Facetten abzubil- den, erscheint als unzeitgemäß. Gewissheit...

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