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Literarische Konstruktionen autobiographischer Subjektivität in der «nouvelle autobiographie»

Samuel Beckett – Nathalie Sarraute – Claude Simon

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Christiane Sauer

Ausgehend von den Essais Montaignes und den Confessions Rousseaus, untersucht die Arbeit Prämissen neueren autobiographischen Schreibens in Frankreich unter Referenz auf zeitgenössische französische Theoriebildungen. Die aus dem nouveau roman hervorgehende nouvelle autobiographie setzt sich aus dokumentarischen bzw. biographischen, (meta-)fiktionalen und (meta-)reflexiven Textfragmenten zusammen, in deren Montage sich die Brüchigkeit und Fragwürdigkeit von Identität spiegelt. Der Hauptteil geht der Frage nach, wie Samuel Beckett, Nathalie Sarraute und Claude Simon in Abkehr von der anti-subjektivistischen Poetik des nouveau roman in ihren zur nouvelle autobiographie zählenden Texten Compagnie, Enfance und Le Jardin des Plantes neue Formen autobiographischer Subjektivität konstituieren. Diese ergibt sich aus dem Zusammenspiel von (Meta-)Reflexion des Schreibprozesses, Werkaufarbeitung und Sprachkonzeption der Autoren und wird im Text in einem performativen Akt ästhetisch realisiert. Die im Text generierte autobiographische Subjektivität verweist nicht mehr auf den Autor als empirische Person, sondern auf eine ästhetische Konzeption, durch die sich ein Künstlersubjekt definiert.

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5 Wiederentdeckung des Subjekts als diskursive Strategie: die nouvelle autobiographie

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1984 überraschte Robbe-Grillet seine Leser mit der zu seiner Theorie des nou- veau roman in Widerspruch stehenden Bemerkung: „Je n’ai jamais parlé d’autre chose que de moi même.“126 Mit der Hinwendung zur Autobiographie scheint es unter den Nouveaux Romanciers zu einer Rückbesinnung auf das Subjekt zu kommen und damit zu einer gewissen Rückkehr zur Referenz, die allerdings nicht mehr unreflektiert bleibt, sondern deren Möglichkeiten skeptisch unter- sucht werden. Diese Akzentverschiebung im autobiographischen Schreiben lässt sich ins- besondere auf die veränderte Konzeption des Individuums zurückführen, die der nouvelle autobiographie zu Grunde liegt, wie Doris Ruhe bemerkt: „Dieser Wandel trifft in besonderem Maße die Vorstellung vom Individuum, dessen Einheit und Autonomie, Kontinuität und Einzigartigkeit zunächst als nicht mehr sicher gegeben und schließlich als gänzlich inexistent erkannt wurden.“127 Die (post-)moderne Erfahrung der Subjektivität löst eine Suche nach neuen Darstel- lungsformen aus, die ihre Stabilität in Frage stellen, ihre Brüchigkeit erkennen und akzeptieren und versuchen, sie schreibend in einem unaufhörlichen Prozess neu zu konstituieren.128 Die Geschichte der Verwandlung des Ich ebenso wie die Zeugnisse seiner Zersplit- terung und Auflösung beziehen sich, wenn auch nur implizit, auf ein Konzept der Identität, das nun nicht mehr als statisch gefasst werden kann. Auch lassen sich ihre Inhalte nun nicht mehr mit dem Anspruch universeller Gültigkeit ausbuchstabieren. Die Bedeutungszuweisung wird zur je individuellen Aufgabe, die nur in der Sprache zu leisten ist. Die literarische...

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