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Normierung auf dem Prüfstand

Untersuchung zur Kommasetzung im Deutschen

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Marlon Berkigt

In der Orthografieforschung ist größtenteils anerkannt, dass die Kommasetzung im Deutschen auf syntaktische Regularitäten zurückzuführen ist, die im Schriftsystem verankert sind. Mit der Reform der deutschen Rechtschreibung 1996 wurden jedoch Kommasetzungsnormen eingeführt, die diesen schriftsystemimmanenten Regularitäten nicht immer folgen. Dieser Kontrast zwischen Schriftsystem und Normsystem führt oftmals zu Schwierigkeiten bei den Sprachbenutzern, die vor allem bei nicht syntaktisch motivierten Normen besonders anfällig für Kommasetzungsfehler sind. Der Autor untersucht, wie kompetente Schreiber Kommasetzung innerhalb problematischer Konstruktionen anwenden: Werden durchgängig die kodifizierten, aber zum Teil schriftsystemwidrigen Kommasetzungsnormen übernommen oder ist ein vermehrtes normwidriges, aber schriftsystemkonformes Kommasetzungsverhalten festzustellen? Die Ergebnisse dieser Arbeit sind unter anderem für die Klärung allgemeiner Fragen, die das Verhältnis zwischen System und Norm beschreiben, von hoher Relevanz.

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1 Einleitung

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Die Interpunktion ist eine der ältesten Bestandteile der geschriebenen Sprache. Bereits in den Schriften der Griechen und Römer im Altertum sind Interpunkti- onszeichen anzutreffen – ihre damalige Funktion bezog sich jedoch ausschließ- lich auf die gesprochene Sprache. Satzzeichen waren einerseits Gruppierungs- mittel zur übersichtlicheren Darstellung des Textes und andererseits Ton- und Pausenzeichen, die als Hilfsmittel für das sinngemäße laute Lesen dienten.1 Ge- rade in einer Zeit nicht ausgeprägter Alphabetisierung der Bevölkerung hatte das empathische Vorlesen als Kommunikationsmedium eine besonders hohe Wer- tigkeit.2 Interpunktion hatte somit eine rhythmisch-intonatorische Funktion, die dem Sprecher beim Vortragen eines Textes eine Hilfestellung geben sollte.3 Die gebräuchlichsten Zeichen zur Pausenanzeige waren damals der Punkt, er ist das älteste Satzzeichen, und der Doppelpunkt. Vornehmlich durch die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert ver- änderte sich langsam die Funktion der Interpunktion. Durch die Möglichkeit der einfachen Vervielfältigung hatten Texte in geschriebener Sprache nicht mehr alleine die Funktion des Vorlesens, sondern wurden immer häufiger für das stille Lesen produziert. Dies förderte den Wunsch nach einer klaren und überschauba- ren Gliederung des Textes, nach einer Kennzeichnung der Satzstruktur im Schriftbild mithilfe der Interpunktion.4 Dementsprechend ging im Laufe des 16. Jahrhunderts die rhythmisch-intonatorische immer mehr zugunsten einer syntak- tischen Funktion verloren. Satzzeichen wurden vermehrt gesetzt, um die syntak- tische Struktur der geschriebenen Sprache deutlich zu machen. So wird im 16. Jahrhundert die Virgel5 zum wichtigsten syntaktischen Interpunktionszeichen6: Sie kennzeichnet Teilsätze bzw. Satzteile und wird auch als Gliederungszeichen 1 Vgl....

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