Show Less

Zwischen Augenblicksnotat und Lebensbilanz

Die Tagebuchaufzeichnungen Hugo von Hofmannsthals, Robert Musils und Franz Kafkas

Series:

Beate Sommerfeld

Als Wende- und Umbruchszeit forderte der Übergang zum zwanzigsten Jahrhundert ein Überdenken der Rolle und Funktionsweise von Literatur, in das sich auch das Tagebuch einschreibt, das ihm neue Dimensionen erschließt und zu einer Neudefinierung der Gattung des Tagebuchs führt. Eine Analyse der Textpraxis der Tagebuchaufzeichnungen darf nicht davor Halt machen, traditionelle Ordnungsmuster literarischen Schreibens mit einem Fragezeichen zu versehen. Einen Beitrag dazu zu leisten, die Schreibweisen der Schriftstellertagebücher vor dem Hintergrund der Probleme des Schreibens um 1900 zu untersuchen, ist das Ziel dieser Arbeit. Es wurden Autoren gewählt, die mit der Gattung des Tagebuchs experimentieren, sie im Schreiben thematisieren und die Grenzen des Mediums austesten. Ausgangspunkt ist der Erfahrungsschwund und die Krise der Identität um die «Jahrhundertwende». Wirklichkeitsaneignung und Selbsterschaffung laufen im Tagebuch prozessual zusammen. Die Aufzeichnungen werden zum einen in ihrer Rolle bei der ästhetischen Umsetzung von Wirklichkeit untersucht, die sich in der Auseinandersetzung mit der Medienkultur der Zeit vollzieht. Zum anderen wird nachvollzogen, wie die Schreibenden der Dispersion des Ich durch eine narrative Handhabung von Identität begegnen. Die Tagebuchaufzeichnungen werden zum Medium eines Experimentierens mit der Identität, in dem sich Existenz als ein nicht arretierbarer Prozess der Selbsterkundung darstellt.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

1. Kunst des Nicht-Schreibens – Hugo von Hofmannsthals Tagebuchaufzeichnungen

Extract

Vorbemerkungen zu einem editionsgeschichtlichen Dilemma: Tagebücher vs. Aufzeichnungen Die Editionsgeschichte der Hofmannsthal’schen Tagebücher und Aufzeichnungen spiegelt das Dilemma wider, das sich aus dem Problem der gattungsmäßigen Einord- nung dieser Schriften ergibt. Der Herausgeber der ersten Ausgabe der Gesammelten Werke in Einzelausgaben aus dem Jahr 1959 Herbert Steiner gibt dem Band den Titel „Aufzeichnungen“ und fasst darin die Aphorismensammlung Buch der Freunde, die beiden kurzen Skizzen „Tagebuchblatt“ und „Aus einem ungedruckten Buch“ sowie die „Aufzeichnungen und Tagebücher aus dem Nachlaß“ und das Projekt Ad me ip- sum zusammen. Hinzu kommen Briefe und Aufsätze für Zeitschriften.128 Der 1980 erschienene zehnte Band der Gesammelten Werke in zehn Einzelbänden wurde von Bernd Schoeller und Ingeborg Beyer-Ahlert in Beratung mit Rudolf Hirsch besorgt, wobei Ingeborg Beyer-Ahlert für die Aufzeichnungen verantwortlich zeichnete. Er umfasst neben Reden und Aufsätzen aus den Jahren 1925-1929 auch die Aufzeich- nungen des Dichters – hier werden die von Hofmannsthal nicht mehr veröffentlich- ten Notizen aus dem Nachlass als „Aufzeichnungen“ betitelt. Für die Kritische Aus- gabe in 38 Bänden sind zwei als „Aufzeichnungen und Tagebücher“ betitelte Bände geplant.129 Im Nachlass hat sich ein umfangreicher Bestand an Notizen erhalten, die aus allen Lebensjahren des schreibenden Hofmannsthals stammen. Das der Analyse zugrundeliegende Werkkorpus besteht aus teils datierten, teils undatierten Notizen, die zum Teil in Heften und teilweise auf unverbundenen Blät- tern festgehalten wurden. Diese beinhalten zu einem Großteil Lektürenotizen und Reflexionen über das Gelesene, ferner berichtet der...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.