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Zwischen Augenblicksnotat und Lebensbilanz

Die Tagebuchaufzeichnungen Hugo von Hofmannsthals, Robert Musils und Franz Kafkas

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Beate Sommerfeld

Als Wende- und Umbruchszeit forderte der Übergang zum zwanzigsten Jahrhundert ein Überdenken der Rolle und Funktionsweise von Literatur, in das sich auch das Tagebuch einschreibt, das ihm neue Dimensionen erschließt und zu einer Neudefinierung der Gattung des Tagebuchs führt. Eine Analyse der Textpraxis der Tagebuchaufzeichnungen darf nicht davor Halt machen, traditionelle Ordnungsmuster literarischen Schreibens mit einem Fragezeichen zu versehen. Einen Beitrag dazu zu leisten, die Schreibweisen der Schriftstellertagebücher vor dem Hintergrund der Probleme des Schreibens um 1900 zu untersuchen, ist das Ziel dieser Arbeit. Es wurden Autoren gewählt, die mit der Gattung des Tagebuchs experimentieren, sie im Schreiben thematisieren und die Grenzen des Mediums austesten. Ausgangspunkt ist der Erfahrungsschwund und die Krise der Identität um die «Jahrhundertwende». Wirklichkeitsaneignung und Selbsterschaffung laufen im Tagebuch prozessual zusammen. Die Aufzeichnungen werden zum einen in ihrer Rolle bei der ästhetischen Umsetzung von Wirklichkeit untersucht, die sich in der Auseinandersetzung mit der Medienkultur der Zeit vollzieht. Zum anderen wird nachvollzogen, wie die Schreibenden der Dispersion des Ich durch eine narrative Handhabung von Identität begegnen. Die Tagebuchaufzeichnungen werden zum Medium eines Experimentierens mit der Identität, in dem sich Existenz als ein nicht arretierbarer Prozess der Selbsterkundung darstellt.

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2. Erfindung des „inneren Menschen“– Robert Musils Tagebuchhefte

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2. Erfindung des „inneren Menschen“ – Robert Musils Tagebuchhefte Vorbemerkungen zu Gattungsfrage und Editionsproblemen Eine erste gekürzte Ausgabe der Tagebücher Musils erschien 1957 unter dem Titel Tagebücher, Aphorismen, Reden. Sie stieß wegen Kürzungen und Auflösung der chronologischen Ordnung auf heftige Kritik.417 Die von Adolf Frisé in mühevol- ler Arbeit als kritische Ausgabe herausgegebenen Tagebücher bestehen aus einem Konglomerat von 25 teilweise parallel geführten Einzelheften.418 Die Hefte wurden chronologisch geordnet und mit ausführlichen Kommentaren versehen, die in einem zweiten Band zusammen mit einem Anhang mit zusätzlichen Materialien sowie Na- mensregister und einem Register der Werke und Werkfiguren hinzugefügt wurden.419 Die Hefte beinhalten Lektürenotizen (die das Wissen auf eine eventuelle spätere Nutzung hin ordnen), Werkfragmente, analytische Werknotizen (die der Unüber- sichtlichkeit vor allem des Romans entgegensteuern sollen und einzelne Gedanken und Motive extrapolieren), kurze Augenblicksbeobachtungen, Ideen, Skizzen, die nur teilweise in publizierte Texte Eingang fanden sowie Pläne zu Aphorismensamm- lungen und zu Autobiographien. Immer wieder kehrt der Schreibende jedoch neben und in den Eintragungen, die ins Werk eingehen sollen und die die Bezeichnung „Arbeitsbücher“420 angemessener erscheinen lassen, zum persönlichen Ton des Tage- buchs zurück, datiert seine Aufzeichnungen, und auch seine zahlreichen Reflexionen über die Gattung des Tagebuchs zeugen vom Bestreben, diese an seine Bedürfnis- 417 Zur Entstehungsgeschichte der Tagebücher vgl. Adolf Frisé: „Vorwort“; in: Robert Musil: Tagebücher. Neu durchgesehene und ergänzte Auflage. Mit einer Vorbemerkung von...

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