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Dichten wider die Unzeit

Textkritische Beiträge zu Gertrud Kolmar

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Edited By Ilse Nagelschmidt, Almut Nickel and Jochanan Trilse-Finkelstein

Der Sammelband zur internationalen Tagung «Fremd unter den Menschen» in Weimar 2010 vereinigt Beiträge zur Poetik und Textologie der Dichterin Gertrud Kolmar, die im Jahr 1943 ihr Leben in Auschwitz verlor. Die Aufsätze führen die Diskussion um eine außerständige Lyrikerin, Dramatikerin und Prosa-Autorin auf der textkritischen Ebene interdisziplinärer Forschung fort und bilden dafür unterschiedliche theoretisch-methodologische Zugänge über biographische und psychoanalytische Ansätze aus. Erörterungen aus rezeptionsgeschichtlicher Blickrichtung sowie stoff- und motivbezogene Analysen werden um Perspektiven der Gender-Forschung erweitert. Somit eröffnet das Buch einen weiten Denkraum und ermöglicht zugleich eine zeit- und familiengeschichtliche Gedächtnisarbeit zur deutsch-jüdischen Identität und zum gattungsumfassenden Schaffen Kolmars, nicht zuletzt durch die Wiedergabe des Podiumsgesprächs zwischen Nachfahren und Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen.

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Gertrud Kolmars Die jüdische Mutter und das Lustmord-Motiv Claudia Steinkämper

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1. Martha Wolg – eine Frau sucht einen Mörder Als Gertrud Kolmar im August 1930 mit ihrer ersten Prosaarbeit beginnt, die im Typoskript den Titel Die jüdische Mutter trägt1, ist wenige Wochen zuvor einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Weimarer Republik aufgeklärt worden: Ende Mai 1930 war nach mehr als zwei Jahren intensiver Polizeiarbeit der Täter in einer Mordserie gefasst worden, die zunächst Düsseldorf, schließlich die ge- samte Republik in Atem gehalten hatte. Von Anfang 1929 bis Mitte 1930 ereig- nete sich im Raum Düsseldorf eine Vielzahl von brutalen Morden und Mordver- suchen, die offenbar sexuell motiviert waren. Der unbekannte Täter attackierte seine Opfer mit Schere oder Dolch, verletzte oder tötete sie durch Schnitte und Stiche in Oberkörper und Gesicht, zuweilen schlug er ihnen auch mit dem Ham- mer die Schädel ein. Z.T. wurden die bis auf eine Ausnahme weiblichen Opfer, meist junge Frauen oder kleine Mädchen, auch sexuell missbraucht. Obgleich der Täter zahlreiche Spuren hinterließ – er selbst schickte sogenannte Mörder- briefe mit Tatort- und Ablageort-Beschreibungen an Presse und Polizei, um es seinem Vorbild Jack the Ripper gleich zu tun –, konnte er zunächst nicht gefasst werden. Der Fall des bald als „Würger oder Schlächter von Düsseldorf“2 bekann- ten Täters wurde von der Weimarer Boulevardpresse gnadenlos ausgeschlachtet – eine Hysterisierung der Düsseldorfer Bevölkerung war die Folge.3 15.000 1 Zur komplizierten Publikations- und Rezeptionsgeschichte des zu Lebzeiten der Autorin...

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