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Punkt, Linie, Fläche – territorialisierte Europäisierung

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Tobias Chilla

Die räumlichen Auswirkungen der europäischen Integration sind sehr vielfältig und zeigen sich gerade auch in unerwarteten Bereichen. Tobias Chilla reflektiert dies in konzeptioneller Hinsicht und bezieht sich dabei auf drei Fallbeispiele, die der Logik «Punkt-Linie-Fläche» folgen. Punkt: Die Suche nach einer «Hauptstadt der EU» hat Brüssel und andere Städte geprägt, ohne dass bis heute offiziell eine EU-Hauptstadt benannt worden wäre. Linie: Die Neuausrichtung der sogenannten «Großregion» um Luxemburg zeigt einen Maßstabsprung in der Kooperation entlang von Grenzen. Fläche: Die Naturschutzrichtlinie FFH hat nach einer konflikthaften Umsetzung nun mehr als ein Zehntel des europäischen Territoriums unter Schutz gestellt.

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4 ‚Punkt‘: Die Verortung der EU-Sitze

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4.1 Der Hauptstadt-Begriff im EU-Kontext Die Verortung der Europäischen Institutionen ist eine Frage hochsensibler Ter- ritorialisierung: Europapolitik ist tendenziell eine abstrakte Materie, die von Kompromissformeln, Subsidiaritätserfordernissen und zugleich hochgradiger Komplexität gekennzeichnet ist. Die politische Thematisierung von explizit räumlichen Themen ist dabei oft problematisch, wie beispielsweise die komple- xe Begründung der Kompetenz zur Regionalpolitik in den späten 1980er Jahren oder die Verankerung der territorialen Kohäsion im Lissabon-Vertrag von 2009 illustriert (s.o., Kap. 2.1.1). Es ist vor diesem Hintergrund offensichtlich, dass die punktuelle, materielle und dauerhafte Verortung der EU an ausgewählten Orten der Europäischen Union eine politisch heikle Angelegenheit ist. Die Bri- sanz der Frage beruht auch auf der oft hohen Motivation vieler Staaten, Regionen und Städte, Gastgeber von EU-Institution zu sein. Diese ist bedingt durch die Hoffnung auf erhöhte Sichtbarkeit und Reputation der Standorte, womöglich ver- besserte Einflussmöglichkeiten in der europäischen Politik und schließlich öko- nomische Vorteile aufgrund der Kaufkraft von EU-Bediensteten und von Folge- Einrichtungen wie Consulting-Büros, Gastgewerbe usw. (vgl. z.B. Hübsch 2004: 195 ff.; Vandermotten et al. 2007). Auf nationaler Ebene wird typischerweise die Stadt, in der sich die höchsten poli- tischen Funktionen – insbesondere Parlament und Regierung – befinden, mit dem Status der Hauptstadt versehen. Allerdings lässt sich dieser Hauptstadt-Begriff nicht ohne Weiteres auf die europäische Ebene übertragen: Fragt man nach der Hauptstadt der Europäischen Union, so gibt es keine eindeutige Antwort, und dies ist bereits ein Indiz f...

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