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Der Status von «bekommen» + «zu» + Infinitiv zwischen Modalität und semantischer Perspektivierung

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Anne Jäger

Durch Grammatikalisierung entwickeln lexikalische Zeichen zunehmend grammatische Funktionen. So können aus ehemals konkreten Verben schließlich Hilfsverben entstehen. Das deutsche Verb bekommen erfüllt in Verbindung mit Partizipien bereits grammatische Funktion (Stichwort: Rezipientenpassiv). Doch bekommen findet auch mit zu-Infinitiven Verwendung. Aus dem Englischen und anderen Sprachen ist bekannt, dass Verben aus dem Umfeld von bekommen durch die Kombination mit Infinitiven modale Bedeutung – oft im Sinne von Erlaubnis, Möglichkeit oder Notwendigkeit – erlangen können. Aber wie sieht es im Deutschen aus? Eine breit angelegte Korpusanalyse des heutigen Deutschen klärt Verwendungsmuster, Bedeutung und Funktion von bekommen mit zu-Infinitiv und zeigt den Stand der Auxiliarisierung.

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3 Methodik

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Dass Sprache ständig im Wandel begriffen ist, daran besteht in der linguisti- schen Forschung kein Zweifel. Dennoch ist es immer wieder schwierig, Sprachwandel sichtbar zu machen und ihn zu analysieren. Schließlich ist er nur dort erkennbar, wo Diskrepanzen auffallen. Es müssen also mindestens zwei verschiedene Varianten eines sprachlichen Ausdrucks vorliegen, um verschiede- ne Stufen des Sprachwandels anzuzeigen. Am einfachsten ist dies aus der dia- chronen Perspektive zu erreichen, bei der mehrere historische Sprachstufen in die Betrachtungen einbezogen werden. Die diachrone Perspektive besitzt dabei den Vorteil, bei Vorliegen eines ausreichend großen Textkorpus den Wandelprozess in seiner Gesamtheit zu ver- anschaulichen, so dass viele Entwicklungen, die synchron kaum zu überblicken sind, in der Rückschau an Klarheit und Struktur gewinnen. Die Perspektive der Rückschau bedingt jedoch für semantische Fragestellungen auch einen großen Nachteil. Denn kompetente Sprecher, die in der Lage sind, Urteile über den tat- sächlichen Bedeutungsgehalt eines sprachlichen Zeichens abzugeben, existieren nur für die jeweils aktuelle Sprachstufe und niemand kann ermessen, ob rückbli- ckende Interpretationen wirklichkeitsnah sind oder lediglich Projektionen heuti- ger Verständnisformen auf damalige Zustände darstellen. Abhilfe schaffen kann die Heranziehung von historischen Grammatiken und Wörterbüchern, in denen Informationen zum Sprachstand früherer Zeitstufen tradiert sind. Doch wie Aitchison (2001:43) mit Verweis auf Sapir klarstellt, ist auch die Aussagekraft dieser historischen Zeitzeugen begrenzt, da Linguisten seit jeher dazu tendierten, bei der Niederschrift von Grammatiken die sprachli- chen Zweifelsfälle und Variationen zugunsten von eindeutigeren Belegen...

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