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Mendelssohns «Ouvertüre zum Sommernachtstraum»

Mechanismen der Rezeptionsgeschichte: Musik und Literatur in der Romantik

Jörn Rieckhoff

Die Ouvertüre zum Sommernachtstraum war die Erfolgskomposition des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit ihrer Mischung aus Verträumtheit und jugendlichem Elan eroberte Mendelssohn die Herzen der Engländer. Zugleich war die Ouvertüre eine Visitenkarte seiner literarischen Bildung: Das zugrunde liegende Drama von William Shakespeare hatten die Romantiker zu aktueller deutscher Literatur erklärt. Durch akribische Quellensichtungen und unter Rückgriff auf historische Analysetechniken gelingt es Jörn Rieckhoff, Mendelssohns Herangehensweise an den Sommernachtstraum zu rekonstruieren. Dabei erweist sich die berühmte Komposition als Experiment, bei dem Mendelssohn poetische Strukturen aus Shakespeares Drama in kreativer Weise auf das Formmodell der Konzertouvertüre übertrug.

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II Mendelssohns Shakespeare-Kenntnis zum Zeitpunkt der Komposition der Sommernachtstraum-Ouvertüre

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1. Die Entstehung der Sommernachtstraum- Ouvertüre nach Sebastian Hensels Familienbiographie Mendelssohn komponierte im Jahr 1826 als Siebzehnjähriger seine „Ouvertüre (zum Sommernachtstraum)“27. Es sind nur zwei authentische schriftliche Zeug- nisse aus der bis dahin reichenden Zeit erhalten, die vermitteln können, was Mendelssohn über Shakespeare und insbesondere dessen Drama „Ein Sommer- nachtstraum“ wusste. Einen Hinweis auf die frühe Kenntnis der Dramen von Shakespeare gibt Mendelssohns komisch-heroisches Gedicht „Paphlëis“ von 1820/21.28 Das Ge- dicht enthält Wortspiele, gebildet aus den Dramentiteln „Was ihr wollt“ und „Wie es euch gefällt“, die die Entschlusslosigkeit des Helden ausdrücken. An anderer Stelle greift Mendelssohn auch den Handlungszusammenhang eines Shakespeare-Dramas auf: Die Idee eines Schwurs vor der Befreiung eines Kum- panen wird mit dem Gedanken an die „Stell’ im Julius Cäsar“ zurückgewiesen.29 Ein zweiter Beleg für Mendelssohns Shakespeare-Kenntnis steht in unmit- telbarem Zusammenhang mit der Komposition der Sommernachtstraum- Ouvertüre. Am 7. Juli 1826 schreibt Mendelssohn an seine Schwester Fanny: „Ferner habe ich mir das Componiren im Garten zugelegt [...], und heute oder morgen will ich midsummernightsdream zu träumen anfangen. Es ist aber eine gränzenlose Kühnheit!”30 Die im Zitat niedergelegte Mitteilung scheint klar ver- ständlich: Mendelssohn will eine Komposition zu Shakespeares Drama A Mid- 27 Schreibweise nach der Überschrift im Partiturautograph. Vgl. PL-Kj, Mendelssohn Aut. 32, S. 1. 28 Zur Datierung vgl. Clive Brown: A Portrait of Mendelssohn. New Haven / London 2003, S. 65 sowie R. Larry Todd: Mendelssohn. A Life...

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