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Mendelssohns «Ouvertüre zum Sommernachtstraum»

Mechanismen der Rezeptionsgeschichte: Musik und Literatur in der Romantik

Jörn Rieckhoff

Die Ouvertüre zum Sommernachtstraum war die Erfolgskomposition des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit ihrer Mischung aus Verträumtheit und jugendlichem Elan eroberte Mendelssohn die Herzen der Engländer. Zugleich war die Ouvertüre eine Visitenkarte seiner literarischen Bildung: Das zugrunde liegende Drama von William Shakespeare hatten die Romantiker zu aktueller deutscher Literatur erklärt. Durch akribische Quellensichtungen und unter Rückgriff auf historische Analysetechniken gelingt es Jörn Rieckhoff, Mendelssohns Herangehensweise an den Sommernachtstraum zu rekonstruieren. Dabei erweist sich die berühmte Komposition als Experiment, bei dem Mendelssohn poetische Strukturen aus Shakespeares Drama in kreativer Weise auf das Formmodell der Konzertouvertüre übertrug.

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VI Resümee

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Das Ziel der vorliegenden Arbeit bestand darin, die im Verlauf der Rezeptions- geschichte entwickelten und zum Teil unbewusst tradierten Interpretationsansät- ze zur Sommernachtstraum-Ouvertüre in ihrer Widersprüchlichkeit herauszuar- beiten, um davon unbeeinflusst eine Interpretation der Ouvertüre vorzulegen, die sich auf den rekonstruierten gedanklichen Horizont Mendelssohns zum Zeit- punkt der Komposition des Werkes stützt. Im Hinblick auf die Rezeptionsge- schichte der Ouvertüre gehört es zu den überraschenden Ergebnissen, dass v. a. von A. B. Marx zahlreiche relevante Äußerungen aus verschiedenen Veröffent- lichungskontexten nachgewiesen werden können, die in einem Zeitraum von fast vierzig Jahren erschienen und die sich jeweils in unterschiedlicher Weise auf die Interpretation der Ouvertüre auswirkten. In seiner Rezension der öffentlichen Erstaufführung im Jahr 1827 in Stettin beschrieb Marx die Ouvertüre als gleichwertige Entsprechung zu Shakespeares Sommernachtstraum, „der unsterb- lichen Schöpfung des göttlichen Dichters“; die dabei von ihm zu Grunde gelegte romantische Drameninterpretation, die die Kombination divergierender Hand- lungsstränge in den Vordergrund rückt, lässt sich als Bezugnahme auf A. W. Schlegels Analyse des Sommernachtstraums in den Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur verstehen.517 Im Gegensatz zu dieser enthusiastischen Kommentierung ist der Tonfall des – möglicherweise von A. B. Marx stammenden – Mendelssohn-Artikels in G. Schillings Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften aus- gesprochen reserviert: Zwar hob er die Sommernachtstraum-Ouvertüre unter den „neueren Compositionen“ positiv hervor, konstruierte aber im Hinblick auf die kompositorische Entwicklung des erst achtundzwanzigjährigen Mendelssohn einen Abwärtstrend, den er...

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