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Selektive Modernisierung und Strukturstabilität

Anpassungsmuster der Old Order Amischgemeinschaft

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Axel Schmidt

Amischgemeinschaften in Nordamerika bestehen seit 300 Jahren in einer sie umschließenden Moderne. Es gelingt ihnen, ihre typischen Traditionsformen und Lebensweisen beharrlich und erfolgreich über lange Zeiträume aufrechtzuerhalten und sich als religiöse Minderheit zu behaupten. Um zu erklären, wie dies möglich ist, untersucht der Autor verschiedene Aspekte von Beständigkeit und Wandel in der Amischgemeinschaft. Es stellt sich heraus, dass Entscheidungsfindungen im religiösen und im weltlichen Bereich sich an bestimmten Kriterien orientieren. Diese werden in verschiedenen Modellen dargestellt, die über die bislang vorliegenden Erklärungsversuche von Einzelfallexplikation hinausgehen. Konkrete Zielsetzung der Arbeit ist es, die außergewöhnliche Stabilität dieser in sich abgeschlossenen Gemeinschaft durch die Selektive Modernisierung zu erklären.

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3 Die Old Order Amish

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3.1 Geschichtliche Entwicklung Die Old Order Amish bilden eine Gruppierung von Anabaptisten (Wiedertäu- fern), deren Geschichte bis in die Zeit der Reformation zurückverfolgt werden kann.322 1522 kam es in Zürich zu einem Bruch zwischen dem Theologen Huldrych Zwingli (1484-1531) und der katholischen Kirche. Religiöses Be- kenntnis wurde von Zwingli und seinen Anhängern als eine persönliche und spi- rituelle Entscheidung aufgefasst, die nicht vom Staat bzw. der Amtskirche vor- geschrieben werden konnte. Dazu gehörte die Erwachsenentaufe, die als be- wusste Entscheidung getroffen wurde und damit die Autorität der Kirche infrage stellte, die auf der verpflichtenden Kleinkindtaufe bestand. Die Heilige Schrift wurde im Sinne eines Schriftprinzips wörtlich ausgelegt und das Handeln da- nach ausgerichtet. Kunst und Musik sollten aus den Kirchen weitgehend ver- bannt werden. Gewalt und Militärdienst wurden abgelehnt und eine Trennung von Staat und Kirche verlangt. Verfolgungen dieser religiösen Sektierer setzten bereits zwischen 1523 und 1525 ein, gleichwohl kam es zu einer schnellen Ver- breitung des Wiedertäufertums in der Schweiz, den Niederlanden und im deut- schen Sprachraum, vor allem am Rhein, im späteren Bayern und in der Pfalz.323 1527 verständigten sich die Wiedertäufer auf ein erstes Dokument, die „Schleit- heimer Artikel.“ Sieben Leitsätze gaben der „Brüderlichen Vereinigung“ einen Verhaltenscodex in klarer Abgrenzung zur etablierten Kirche vor: Erwachsenen- taufe, Bann, Abendmahl, Weltabgewandtheit, Hirte (Gemeindeführer), Schwert (Staat) und Eid.324 In dieser Festlegung ist schon der Abschied von der volks- kirchlichen Täufertradition zu sehen....

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