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Martyrium

Variationen und Potenziale eines Diskurses im Zweiten Jahrhundert

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Nicole Hartmann

Ausgehend von der Annahme einer stark ausdifferenzierten Jesus-Bewegung bietet diese Studie eine dekonstruktive Lektüre von Texten aus dem zweiten Jahrhundert, in denen Hinrichtungen von Jesus-Anhängern als Martyrium überhöht werden. Sie konzentriert sich dabei auf die Aushandlungsprozesse christlicher Identität: in der Zuschreibung von Märtyrerautorität oder im Ausloten der Grenzen für eine Vorstellung von Märtyrern als Opfern – heilswirksames Selbstopfer versus Opfer der barbarischen Gegner. Der durch die Gewalterfahrung und in Auseinandersetzung mit innerchristlichen Widersachern gefärbte Gegnerdiskurs und die Affirmation der Bezeichnung Christiani bezeugen die (Selbst-)Konzeptualisierung der Autoren, ersten Leser und Hörer dieser Texte innerhalb des proto-orthodoxen Christentums.

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1. Einleitung

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Mit der Exekution des Lehrers der Christianoi, des sehr alten Polykarp, gingen die öffentlichen Hinrichtungsspektakel im Stadion von Smyrna zu Ende. Er hatte sich – wie einige jüngere Anhänger des Jesus ein paar Wochen zuvor – geweigert, bei der Tyche des Kaisers zu schwören und zu opfern. Möglicherweise hatte er jene unterwiesen und dazu angestiftet. Nun baten einige Freunde Polykarps darum, dass ihnen sein Leichnam zur Bestattung ausgehändigt würde. Das schien dem Prokonsul ungewöhnlich, denn normalerweise interessierte sich niemand für die Leichname Hingerichteter, die in Massengräbern verscharrt wurden. Er beriet sich mit dem Vater des Irenarchen Smyrnas und verfügte, dieser Bitte nicht stattzuge- ben, sondern die Überreste Polykarps noch an Ort und Stelle verbrennen zu lassen. Denn sie hielten es für möglich, dass diejenigen, die den Gekreuzigten aus Jerusa- lem – Jesus Christus – wie einen Gott verehrten, nun auch das gleiche für Polykarp beginnen könnten; aufgrund dessen lokaler Bekanntheit in Smyrna und Umgebung wäre sogar eine noch größere Anhängerschaft an Polykarpianern denkbar als jene Christianoi selber. Um das darin angelegte Konfliktpotential von vornherein aus- zuschließen, entschieden sie die Vernichtung und meinten so auch verhindern zu können, dass sich das Totengedenken für Polykarp und damit die Versammlung seiner Anhänger an einem bestimmten Ort konzentriere. dies ist eine mögliche Lesart des Textes, der als Martyrium Polycarpi überlie- fert ist und über die Hinrichtung des christlichen Führers und Lehrers Po- lykarp aus smyrna...

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