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«Neuer» Ernst in der Literatur?

Schreibpraktiken in deutschsprachigen Romanen der Gegenwart

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Edited By Kristin Eichhorn

Überall liest man in den letzten Jahren, in der deutschen Gegenwartsliteratur sei nach der bloß spielerischen Postmoderne nun ein neuer Ernst zu verzeichnen. Der Band stellt in Einzelanalysen die Frage, wie es sich tatsächlich mit diesem Phänomen verhält. In drei Sektionen wird eine differenzierte Sichtweise empfohlen. Nach wie vor gibt es Autoren, die den konstatierten Trend zu mehr Ernsthaftigkeit nicht mitmachen. Gleichzeitig haben die vermeintlich neuen Formen eines am Inhalt interessierten Schreibens ihre Wurzeln bereits in den 1990er Jahren. Die Forderung nach Ernsthaftigkeit ist für die aktuell tätigen Autoren hingegen als Diskursfolie von Bedeutung, mit der sie sich – affirmativ oder kritisch – auseinandersetzen müssen, um sich im literarischen Feld zu positionieren.

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Einleitung: Reaktionen auf den Ernsthaftigkeitsdiskurs in der aktuellen Literaturproduktion Kristin Eichhorn

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Im Anschluss an den Austausch auf den IV. Posener Tagen wurde es zum Ziel des vorliegenden Sammelbandes, die Schreibnormen in der gegenwärtigen Bel- letristik genauer auszuloten. Aus der Diskussion der letzten Jahre kennt man die These von der ‚neuen‘ Ernsthaftigkeit, der Rückbesinnung auf konservativere Schreibstrategien und der erneuten Suche nach ‚Authentizität‘.1 Zwei Dinge ha- ben damit nach gängiger Auffassung ihr Ende gefunden bzw. sind in der aktuellen Literaturproduktion zumindest nicht mehr als dominant anzusehen: Ironie und die eng damit zusammenhängende postmoderne Schreibart.2 Anstelle von rein spiele- rischer Formvarianz und Oberflächenästhetik stehen nun gerade auch bei ehemals der Postmoderne oder der Pop-Literatur zugerechneten Autoren wieder ‚ernste‘ Themen und klassische Erzählweisen. Bei allen Unterschieden zwischen Postmoderne und Popliteratur verbindet sie – dem Diskurs nach – eine gemeinsame Eigenschaft: Beide setzten statt auf Tiefgang eher auf Oberflächlichkeit, und empfinden die Gegenstandswahl als be- liebig.3 Einige Aufmerksamkeit hat z. B. Thomas Hettches Schritt zum konven- tionellen Erzählen in seinem Roman Die Liebe der Väter (2010) gefunden, der sich in dieser Hinsicht deutlich von seinen früheren Büchern wie Nox (1995) oder Der Fall Arbogast (2001) unterscheidet. Damit wird der Literatur etwas attestiert, was zunächst als Forderung in die Diskussion eingespeist worden war – und zwar sowohl von Rezensenten als auch von Schriftstellern. Unter dem Schlagwort ‚Re- levanter Realismus‘ ist so der Aufruf Matthias Polityckis und anderer, zu denen auch Thomas Hettche gehört, bekannt geworden, die Literatur müsse sich wieder 1 Vgl....

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