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Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache

2., erweiterte Auflage

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Edited By Klaus-Peter Wegera

Die Diskussion um die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache begleitet die Germanistik von ihren Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart. Die wesentlichen Fragen, um deren Beantwortung es in der Diskussion geht, sind die nach dem Entstehungsort – der «Wiege» – der neuhochdeutschen Schriftsprache und die nach ihrem möglichen Schöpfer. Eng mit der letzten Frage verbunden ist die nach der Richtung der Entwicklung: «von unten nach oben» also volkssprachlicher Ausgleich als Basis für die Schriftsprache oder schreibsprachlicher Ausgleich und Rückwirkung auf die Mundarten. Das zentrale Problem der Diskussion zeigt sich nach wie vor darin, dass keiner der wichtigeren theoretischen Ansätze a priori völlig absurd erscheint. Jede Theorie enthält wohl einen Teil der Wahrheit: Sowohl Siedlerbewegungen als auch die Bildung, sowohl Luther als auch die Kanzleien und Offizinen, sowohl die Grammatiktheoretiker als auch die Dichtung, sowohl Sprachwertsysteme als auch die sich herausbildende Polyfunktionalität und die allmähliche Herausbildung einer zentralen Zielvarietät spielen eine mehr oder weniger bedeutsame – aber in der Regel noch nicht zufriedenstellend ausgelotete – Rolle.

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Arno Schirokauer: Frühneuhochdeutsch

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Arno Schirokauer Frühneuhochdeutsch [aus: Arno Schirokauer: Germanistische Studien. Ausgewählt und eingeleitet von Fritz Strich. Hamburg 1957, 311-393] 1. Lange hat man das Fmhd., wie die von Koberstein geprägte, von Scherer aufge­ griffene Bezeichnung verrät, nur als Vorstufe des Nhd. betrachtet. Eine eigentli­ che Sprachmethode war es nicht. Nach dem Schema von Altertum, Mittelalter, Neuzeit wurden drei historische Stufen des Hochdeutschen angenommen. Dabei ergab sich freilich, daß der übliche Schnitt, am Saum der Renaissance mit ihrer Fülle geistiger und technischer Ansätze zu einem neuen Welt- und Menschenbild an der Mitte des 15. Jahrhunderts entlanggeführt, für die Sprachgeschichte nur sehr beschränkte Gültigkeit besitzt: die sprachlichen Bruchstellen liegen - über Jahrhunderte verbreitet - früher wie später in größerer Dichte. Anfang der Neu­ zeit und des Nhd. fielen nicht zusammen, so daß sich als Verlegenheitslösung empfahl, einen kurzen Zwischenakt des sprachlichen Geschehens einzuschieben ohne deutliche Abgrenzung nach oben wie nach unten. Fmhd. war dabei über­ haupt nicht als legitime Hochsprache verstanden, sondern als eine Pause, als hochsprachliches Interregnum, an dessen Beginn Lautstand und Formenwelt des Mhd. verlassen wurde, an dessen Ende die ragende Lutherbibel aller Willkür und Eigenbrötelei ein Ende setzte. Nhd. war ja, nach einem Wort des jugendlichen Jacob Grimm, ein protestantischer Dialekt. Fmhd. galt in seiner Verwahrlosung als linguistisches Paradigma einer »Übergangsperiode«, war die »die kaiserlose, die schreckliche Zeit« im Spiegel ihrer anarchischen Sprache. Mit zahlreichen anderen Erscheinungen des späten MA. litt die gewissenhafte Untersuchung...

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