Paradoxe Ergebnisse von Mehrheitsentscheidungen
Ein aktueller Disput aus der Gründerzeit der modernen aufgeklärten Demokratie
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort und Einleitung
- Eine Fabel von Äsop als Auftakt
- Einführende Historik
- Alltägliches Beispiel aus dem wirklichen Familienleben
- Fiktives realistisches Beispiel aus der Kommunalpolitik
- Exkurs zu Mängeln des Planungsrechts
- Paradoxon von Condorcet
- Disput der Erstautoren
- Variabilität des wissenschaftlichen Interesses am Thema
- Pluralität und Majorität
- Mathematische Formulierung des Phänomens
- Wahrscheinlichkeit paradoxer Entscheidungen
- Darstellung nach algebraischer Verkürzung
- Exemplarische Hinweise zur mathematischen Herleitung
- Elementare geometrische Veranschaulichung
- Resümierender Ausblick
- Mathematische Symbole
- Literaturverzeichnis
Eine Fabel von Äsop als Auftakt
In das sechste vorchristliche Jahrhundert wird der Ursprung einer bis zur Spätantike auf über dreihundert Fabeln angewachsenen Literatursammlung gelegt, in der als Held und Erzähler ein historisch nicht identifizierbarer Sklave mit dem Namen Äsop auftritt („Äsopische Fabeln“). In einer dieser Fabeln, die sehr berühmt geworden ist, wird unter dem Titel „Der Müller, sein Sohn und ihr Esel“ berichtet, wie diese drei Akteure auf dem Weg zu einem anderen Ort von verschiedenen anderen Wanderern angesprochen werden und deren Ratschläge und Ermahnungen befolgen. Diese Fabel liegt mit der Überschrift „Der Waldbruder mit dem Esel“ in der poetischen gereimten Fassung der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Nachdichtung des Nürnberger Dichters Hans Sachs („Schuhmacher und Meistersinger“) vor („Der Neue Äsop – eine klassische Fabelsammlung von Lessing, Gellert, Pfeffel und Anderen“, dritte Auflage, Verlag der Gebrüder Gerstmann, Berlin 1878, S. 28–33; Auszug):
Vor Jahren wohnt‘ in einem Wald
Ein Waldbruder von Jahren alt,
Der sich der Wurzeln nähren thät,
Derselb ein jungen Sohne hett
In dem Alter von zwanzig Jahrn,
Der war einfältig, unerfahrn.
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Legt an den Vater große Bitt‘,
Der es doch lang zuwider rieth.
Zuletzt er überredet ward
Und macht sich mit ihm auf die Fahrt
Und führen ihren Esel mit
Ledig, keiner darauf ritt.
Im Walde bekam ihn’n ein Kriegsmann.
Der sprach: „Wie laßt ihr ledig gan
Den faulen Esel hie allein,
Ihr dünkt mich fast nicht witzig sein,
Daß euer keiner auf ihm reit‘.“ ← 13 | 14 →
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Der Sohn sprach: „Laß mich darauf reiten.“
Das g’schah‘, da kam zu ihn‘n von weiten
Ein altes Weib neben die Aecker,
Die sprach: „Seht zu dem Jungen Lecker,
Der reit‘ und der alt‘ schwache Mann
Muß hintennach zu Füßen gan.“
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Der Jung bald von dem Esel saß
Und saß der Alt‘ bald auf für ihn,
Reit‘ also Fuß für Fuß dahin.
Indem begegnet ihn‘n ein Bauer
Der red’t sie an mit Worten sauer:
„Seht an den alten groben Lappen,
Läßt den Jungen im Koth her sappen,
Dem nöther wär‘ zu reiten, denn ihm“.
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Der Sohn sprach: „Vater laß mich nun
Aufsitzen, daß wir reiten Beed‘,
Schau, ob die Welt dazu auch red‘.“
Aufsaß er und ritten dahin,
Dann kam ein Bettelmann zu ihn’n.
Thät an einer Wegscheid auf sie harren
Und Sprach: „Seht an die großen Narren,
Woll’n den Esel gar erdrücken.“
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Der Sohn sprach: „Laßt uns Beid‘ absitzen
So wollen wir den Esel tragen:
Was nur die Welt dazu will sagen.“
Absaßen sie den Esel trugen
Und mit ihm übers Feld hin zugen,
Daß von ihn’n Beiden rann der Schweiß;
Ein Edelmann kam zu der Reis‘,
Thät sie all‘ Beid‘ mit Worten strafen:
„Wann her, wann her, ihr Schlauraffen,
Daß ihr das Hinter kehrt herfür.“
Der Inhalt der Fabel sei mit eigenen Worten in nüchterner Alltagssprache wie folgt wiedergegeben: ← 14 | 15 →
Als Vater und Sohn neben dem Esel zu Fuß gehen, wird dem Vater und dem Sohn Dummheit und dem Esel Faulheit vorgeworfen. Der Sohn reitet daraufhin auf dem Esel, was zu der Forderung führt, den alten schwachen Mann nicht laufen zu lassen. Dann reitet der Vater auf dem Esel und wird dafür beschimpft, dass er den Jungen durch den Kot hinterher laufen lässt. Als darauf Vater und Sohn gemeinsam auf dem Esel reiten, wird ihnen vorgeworfen, den Esel zu erdrücken. Schließlich tragen beide den Esel, wofür dieser wieder wegen seiner Faulheit getadelt wird.
Damit kann der Prozess von Forderungen und Reaktionen darauf unendlich weiter gehen; das heißt, dass dieser Prozess „zyklisch“ ist. Solche Zyklen sind ein klassisches Problem der Aufeinanderfolge von Mehrheitsbeschlüssen in parlamentarischen und sonstigen Entscheidungsgremien. ← 15 | 16 →
Details
- Seiten
- 136
- Erscheinungsjahr
- 2016
- ISBN (Paperback)
- 9783631666821
- ISBN (PDF)
- 9783653061567
- ISBN (MOBI)
- 9783653961065
- ISBN (ePUB)
- 9783653961072
- DOI
- 10.3726/978-3-653-06156-7
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2015 (Oktober)
- Schlagworte
- Rationalität Paradoxon Wahrscheinlichkeitsrechnung Kommunalpolitik
- Erschienen
- Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 136 S.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG