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Im intertextuellen Schlangennest

Adam Mickiewicz und polnisch-russisches (anti-)imperiales Schreiben

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Heinrich Kirschbaum

Die Monographie leistet einen Beitrag zu einer Forschungsrichtung, die man analog zur New Imperial History als Neue Imperiale Literaturgeschichte bezeichnen könnte.
Durch die Verbannung des polnischen Dichters Adam Mickiewicz nach Russland kam es in den 1820er Jahren zu einer in ihrer Intensität einmaligen Begegnung zwischen der polnischen und russischen Romantik. Paradigmatische Geltung haben vor allem die konfliktreichen Konstellationen zwischen Mickiewicz und Puškin. Im Kontext postkolonialer Ansätze zu Ostmitteleuropa untersucht das vorliegende Buch das intertextuelle Spannungsfeld, in dem die beiden Literaturen ihre (anti-)hegemonialen Schreibstrategien entwickelten und dabei kontroverse poetisch-politische Polen- und Russland-Figurationen entwarfen, die bis heute nachwirken.

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1. Genre-Kolonialismen

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1.1. Partialitätsschreiben. Doppelgängertum der Diskurse Я не слыхал рассказов Оссиана, Не пробовал старинного вина; Зачем же мне мерещится поляна, Шотландии кровавая луна? Ich habe Ossians Erzählungen nicht gehört, Den uralten Wein nicht gekostet; Warum träume ich dann von der Wiese, Von Schottlands blutigem Mond? Osip Mandel’štam (2001, 51) Eine Besonderheit der europäischen kulturellen und politischen Diskurse um 1800 bestand in der beschleunigten Konzeptualisierung des geographischen Rau- mes. Die zentrale Rolle bei solchen Auto-Geo-Erfindungen und Entwürfen, die man auch als Nationalisierungen des Geographischen im Allgemeinen und der Himmelsrichtungen im Besonderen bezeichnen könnte, kommt dem „Norden“ und dem „Osten“ bzw. dem „Orient“ zu. Den wichtigsten rhetorisch-poetischen Raum für die Konstruktionen der nationalen Geoidentität bildet dabei die Dich- tung. In den Literaturen der jeweiligen Länder, die sich nun als Nationalliteratu- ren definieren, erhält der Diskurs des Nationalen mitsamt seiner geohistorischen und geopolitischen Komponente seine Prägung. Dabei kommt es zu paradox an- mutenden Erscheinungen: Zum einen wandern romantische Topoi und Motive, welche zu Mythologemen und Ideologemen werden, von Land zu Land, von einer (poetischen) Kultur in die andere. Zum anderen aber wird dieses interkulturelle und interliterarische Gemeingut zur Selbstspezifizierung eingesetzt, was eine Ab- grenzung von den Literaturen und Kulturen der Nachbarländer impliziert. Wie bereits oben angedeutet, entsteht in der Literatur des geteilten und somit auch „entgeographisierten“ Polen ein romantisch geprägtes, poetisch-politisches Kon- strukt „Polen“, das sich in das geokulturosophische und geopolitische Koordina- tensystem Europas neu einzuschreiben sucht. Das Bewusstsein für die gespaltene Lage Polens bestimmt maßgeblich die Modi der Fremd- und Selbstdefinitionen des...

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