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«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

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Franco Ruault

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.
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8. Ausblick: Die Lebenden und die Toten

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8.Ausblick: Die Lebenden und die Toten

Mit der Verkündung der „Nürnberger Blutschutzgesetze“ waren wichtige Voraussetzungen dafür geschaffen worden, um die angestrebte Reorganisation des Geschlechterverhältnisses zu betreiben. Bereits am 15. September 1935 wurde, indem das Verbot den „ausserehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ betraf, bereits eine vage Analogie zur Straftat des Ehebruchs hergestellt. Mit der 1. Verordnung zum Blutschutzgesetz vom 14. November 1935 wurden bereits die dehnbaren Kontaktvorstellungen zwischen Juden und anderen Deutschen auf die sexuelle Bedeutung eingeengt. Der Kampf gegen „Rassenschändung“, welcher sich immer auch gegen die Entkoppelung von Fortpflanzung und Sexualität gewendet hatte,1 kodiert damit „Rassenschande“ als „Zeugungsverbrechen“, als Eheverbot zwischen deutschen Frauen mit jüdischen Männern; um die vermeintlich verhinderte „deutsche Göttin“ wieder ihrer „Bestimmung“ zuführen zu können: Sie als abgewertete „Totenbraut“ weiterhin als „toter Stoff,“ beliebig manipulierbar, den gesellschaftlichen Reproduktionsvorstellungen untergeordnet beibehalten zu können, um eine „Neuschöpfung“ des Menschen zu betreiben. Damit erscheint plausibel, warum das Prinzip der Geschlechtsneutralität mit dem dabei verwendeten Judenbegriff nur beim so genannten Tatbestand der „Rassenschande“ durchbrochen wurde: So bestimmte das „Blutschutzgesetz“ ausdrücklich: „Der Mann, der dem Verbot des § 2 zuwiederhandelt, wird mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft“.2 Die vermeintliche „Neuschöpfung“ des deutschen Volkes bedeutete nur in einer bestimmten Hinsicht eine Neuordnung des Geschlechterverhältnisses, insofern damit die monogame Ehe asymmetrisch, das heisst, zugunsten männlicher Wahlfreiheit der Sexualpartnerinnen, aufgebrochen werden sollte. Vielmehr war jedoch eine Restitution der...

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