Show Less
Restricted access

Vorträge und Aufsätze zur lateinischen Literatur der Antike und des Mittelalters

Series:

Jürgen Blänsdorf

Der Band vereinigt die zwischen 2000 und 2014 entstandenen Untersuchungen zur lateinischen Literatur der Antike und des Mittelalters: Komödie und Epos, Philosophie und Geschichtsschreibung. Weitere Themen sind außerdem die Methoden der Textinterpretation, Metrik, römische Philosophie, Staatstheorie, Geschichte, Religion und Fachschriftsteller. Das Buch wendet sich an Interessenten in Universität und Gymnasien und weitere Leserkreise. Öffentliche Diskussionen über den Wert des Lateins berücksichtigen oft nur die Mühen des Spracherwerbs. Hier stehen Literatur und Geistesgeschichte im Vordergrund.
Show Summary Details
Restricted access

Hermeneutische Probleme der Fabeln des Phaedrus

Extract



I. Tiergeschichten für Erwachsene?1

Die Fabeln des Phaedrus scheinen auf den ersten Blick die literarische Gattung zu sein, deren Interpretation die geringsten philologischen Bemühungen erfordert. Nur unter textkritischen Gesichtspunkten und wegen einiger weniger daraus zu gewinnender historischer Daten scheint sich die Beschäftigung mit den fünf Büchern dieses Fabel-Corpus zu lohnen. Wagt man es doch kaum, unseren den Kinderjahren entwachsenen Proseminaristen als ernsthafte Interpretationsaufgabe Fabeln folgender Art zuzumuten:

Phaedr. I, 1 Lupus et agnus:

“Zum selben Bach waren Wolf und Lamm gekommen, von Durst getrieben. Weiter oben stand der Wolf und viel weiter bachab das Lamm. Da sprach, vom bösen Rachen angetrieben, der Räuber und brachte einen Anlass zum Streit vor: ‘Warum’, sagte er, ‘hast du mir beim Trinken das Wasser getrübt?’ Da sprach das Wolltier voller Angst: ‘Wie kann ich, bitte, tun, worüber du dich beklagst, Wolf? Von dir rinnt zu meinem Trinken das Nass herab.’ Geschlagen von der Wahrheit Kraft sprach jener: ‘Vor jetzt sechs Monaten hast du mich geschmäht.’ Antwortete das Lamm: ‘Da war ich freilich ← 205 | 206 → noch nicht geboren.’ ‘Dein Vater, bei Gott,’ sprach er, ‘hat mich geschmäht.’ Und so ergreift und zerfleischt er es in ungerechtem Mord. Diese Fabel ist wegen derer geschrieben, die mit erfundenen Gründen Unschuldige unterdrücken.”

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.