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Kulturkritik zwischen Deutschland und Frankreich (1890–1933)

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Olivier Agard and Barbara Beßlich

Kulturkritik ist oft als ein spezifisch deutsches Phänomen beschrieben worden. Seit Sterns Studie über «Kulturpessimismus als politische Gefahr» war das Augenmerk vermehrt auf die Nähe zum Nationalismus gerichtet. Seitdem verblieb die deutsche Kulturkritik im Generalverdacht teleologischer Verbindung zum Nationalsozialismus und wurde oft mit überspannter nationalistischer Ideologie gleichgesetzt. Jedoch lässt sich die Entwicklung der Kulturkritik auch als eine Kontaktgeschichte zwischen den Nationen perspektivieren. Dass Kulturkritik nicht nur ein Produkt nationaler Eigenbrötelei ist, sondern sich diverse kulturkritische Strömungen in Deutschland gerade in der Auseinandersetzung mit französischen Entwicklungen herausgebildet haben, ist der Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes.
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„Ontologische Entwurzelung“ und die heilende Kraft der Naturkontemplation Über eine phänomenologische Kulturkritik der Phänomenologie

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Schon früh in ihrer Geschichte hat sich die phänomenologische Bewegung in die Nähe des kulturkritischen Denkens begeben. Sowohl Husserl als auch Heidegger haben Schriften vorgelegt, die sehr wohl als dem Kanon der Kulturkritik zugehörig angesehen werden dürfen. Dies gilt ganz offensichtlich für Heidegger, der am deutlichsten in Sein und Zeit eine Fülle von topoi aus der Kulturkritik seiner Zeit – wenngleich in eine fundamentalontologische Terminologie eingekleidet – bemüht1; doch Husserl hat ebenfalls in die kulturkritischen Debatten der 1920er und 30er Jahre eingegriffen, am bekanntesten anhand seiner berühmten Krisis-Schrift von 1934. Darin beklagt er, dass die modernen bzw. zeitgenössischen Naturwissenschaften ihre „Lebensbedeutsamkeit“2 verloren haben, weil sie nur noch, der Technisierung zum Zweck, mit „bloßen Abstraktion[en]“3, mit einer „konstruktiv bestimmbaren Natur“ hantieren4, so dass hierdurch der Bezug zur konkreten, tatsächlichen Wirklichkeit dem Menschen abhandengekommen sei. Unterscheiden sich Husserl und Heidegger somit in ihren jeweiligen Themen und Diagnosen (während das Hauptaugenmerk des Ersteren der Kritik des Subjekts in der Masse gilt, widmet sich der Zweite eher dem Thema der naturwissenschaftlichen Praxis), so ist jedoch beiden das Remedium gemein, an das sie appellieren: Für sie beide liegt die einzig mögliche Lösung zur Kulturkrise im Subjekt. Dieses soll sich, so fordert Husserl, als erster Schritt zur Genesung der Kultur seiner transzendentalen Funktion als weltkonstituierendes Ich erneut eingedenk werden, um über diesen Umweg den verloren gegangenen Zugang zur „vorwissenschaftliche[n] und ← 325 | 326 → außerwissenschaftliche[n] Lebenswelt...

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