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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Von der Bühne zum Schlachtfeld

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Die ästhetische Überhöhung suggeriert die Notwendigkeit von Opferbereitschaft und Unterwerfung. Der Schauplatz ist durch die Monumentalität der Kulissen und durch die starre Form der Menschenarrangements charakterisiert. Die Beleuchtungsregie bevorzugt die nächtliche Szene und das Feuer als Lichtquelle.

Die strenge Durchformung des Aufmarsches, der Parade und des militärischen Umzugs mündet in den Stillstand der Massenversammlung, des Appells, der Kundgebung oder eines Gerichtstages. Die Massenbewegung endet in der statuarischen, groß angelegten Szene.

Die Motorik des Marschierens nimmt den Beteiligten jegliche Individualität. Die körperliche Präsenz reduziert sich auf das bewusstlose Funktionieren als Maschine. Bewegungsabläufe und die äußerliche Gleichförmigkeit im Erscheinungsbild ihrer Uniformen vermitteln den Kolonnen physische Stärke und strahlen unbesiegbare Willenskraft aus. Der Marschrhythmus bewirkt auf „motorische Weise […] einen triebhaft-reflexartigen Zustand latenter Aggressionsbereitschaft“165.

In einem der vielen „Kulturfilme“ der Propaganda demonstrieren die Nationalsozialisten die Macht des Marsches am Beispiel einer in Bewegungsablauf und Erscheinungsbild ungeordneten Horde unsortiert umhertorkelnder „Kämpfer“. Der geradezu lächerlich wirkenden und entsprechend kommentierten „Truppe“ aus vorfaschistischer Zeit wird eine straff geordnete und exakt marschierende NS-Kolonne ← 66 | 67 → entgegengesetzt und deren „herrliche Einheit und unbesiegbare Stärke“ gefeiert, der sich niemand entziehen könne. Auch das brav wirkende Passantenpaar am Straßenrand, das versucht, gegen den Marschrhythmus seine Schritte zu setzen, muss sich schließlich der „unbezähmbar starken Willenskraft“ der heranmarschierenden Kolonne ergeben und im Takt mitmarschieren.

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