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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Strukturen der autoritären Gesellschaft

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Adolf Hitler kann sich auch deshalb auf die Wirksamkeit der Massensuggestion verlassen, weil seine „Volksgemeinschaft“ eine durch und durch autoritäre Gesellschaft ist. Auch dieses „Erbe“ aus der Wilhelminischen Gesellschaft des Kaiserreichs funktionierte nach wie vor183. Dabei sind es insbesondere das Kleinbürgertum und die sogenannten „neuen“ Mittelschichten, die Handwerker, Bauern, Kleinunternehmer, Händler, die Angestellten und Beamten, die eine spezifische Dispositon zur Hitlergefolgschaft besitzen.

Rainer Stollmann184 hat die sozioökonomische Situation der kleinbürgerlichen Schichten im Zusammenhang mit der kapitalistischen Organisation der Gesellschaft der 1930er Jahre ausführlich dargestellt und als auffälliges Merkmal den Widerspruch konstatiert „zwischen kollektiver gesellschaftlicher Arbeit und seelischer, familiärer, menschlicher Vereinzelung, zwischen der Existenz allmächtig scheinender technisch-industrieller Möglichkeiten und der Unfähigkeit des Individuums zu persönlichem Glück“185. Das daraus resultierende Ohnmachtsgefühl ließ eine nicht geringe Anfälligkeit der autoritären Gesellschaft im Faschismus für die Angebote einer Ästhetisierung der Politik und ihres schönen Scheins entstehen.

In diesem Zusammenhang erklärt sich auch der Funktionswandel der vom Nationalsozialismus übernommenen Symbole und Zeichen aus der Arbeiterbewegung. „Wo materielle, aus der sozioökonomischen Lage entspringende Inte ← 72 | 73 → ressen wegfallen müssen, um sich massenhaft organisieren zu können, lassen sich auch keine selbständigen Ausdrucks- und Erscheinungsformen entwickeln.“186 Die politisch entwertete Position des Kleinbürgertums reicht nicht zur massenhaften Organisation; dazu fehlen eigene „materielle soziale Interessen“187. Das Kleinbürgertum schlüpft in die Rolle der „Arbeiter“-Partei, übernimmt dabei...

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