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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Die Macht der Bilder

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Die in Heribert Münklers Analysen der fortschreitenden „Theatralisierung der Politik“224 im 20. Jahrhundert aufgestellte These vom grundsätzlichen „Wandel des Leitmediums politischer Kommunikation“225, nämlich die „schleichende Ersetzung des Wortes durch das Bild, der Ersetzung der Zeitung als Hauptinformationsmedium durch das Fernsehen“226, ist durch die Reichsdramaturgie der Nationalsozialisten bestätigt. Die Bildmächtigkeit der vom Dritten Reich inszenierten politischen und bis in die feinsten Verästelungen des alltäglichen Lebens reichenden Szenarien ist wesentliches Element ihrer Verführungsstrategien. Wie stark die Suggestivkraft solcher Bilder bis in die Gegenwart geblieben ist, hat Robert S. Wistrich 1996 in der einleitenden Reflexion seines Buches „Ein Wochenende in München“227 thematisiert. Bei der „Aufarbeitung des Bildmaterials“228 ist selbst ihm, dem Historiker, noch einmal bewusst geworden, welch „enorme suggestive Kraft [in der Mythologie der Nazis] verborgen [ist], die mit den von ihr ausgelösten Emotionen, Bildern und Fantasien eine verführerische Wirkung zeigt, die man nicht ← 84 | 85 → unterschätzen sollte.“229 Einer solchen Erfahrung entgegenzutreten sollte durch ein rationales, wissenschaftliches, methodisch abgesichertes Erkenntnisinteresse nicht allzu schwer sein. Aber dennoch sind Wistrichs warnende Worte ernst zu nehmen. Wistrich spricht von einem „tödliche[n] Gift“230, das sich in der von ihm mit großem Unbehagen festgestellten Vermarktung des Themas „Hitler“ bzw. „Nationalsozialismus“ in der „zeitgenössischen Massenkultur verbirgt“231. Diese Erkenntnis macht die Belastung bewusst, die auf dem historischen Diskurs aktuell liegt:

„Die Schnelligkeit, mit der die Unterhaltungsmedien diesen Aspekt des Nazismus seit den...

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