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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Auszug aus der Wirklichkeit

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Ein besonders auffälliges und in seiner massensuggestiven Wirkung extrem ambivalentes Beispiel dieser Art soll zum Abschluss diskutiert werden. In den 1980er und 1990er Jahren war Michael Jackson die alles beherrschende Ikone der Popkultur. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass weltweit nahezu jeder Heranwachsende, ob Kind oder Jugendlicher, durch Jacksons Songs geprägt wurde, und das nicht nur durch die Musik sondern zusätzlich durch die visuelle Präsentation in den Musikvideos.

Der Videoclip Heal the World (gesehen u. a. in MTV, Februar 1993). erzählt eine Geschichte, konfrontiert uns zunächst mit Bildern und Szenen, die tagtäglich durch die Medien verbreitet werden: Kriegsszenen, Soldaten mit ihrem Kriegsgerät, brennende Häuser, Gewalttaten, auch solche „ziviler“ Art. Vor allem werden Kinder in solchen Szenen gezeigt, verlassene, misshandelte Kinder. Ihr Leiden wird in Szene gesetzt. Zuerst sind es nur wenige Kinder, dann tauchen mehr und mehr auf, zuerst einzeln, dann in Gruppen. Sie sind in Bewegung, streben einem unbekannten Ziel zu, treffen dabei auf die Soldaten. Scheinbar versöhnliche Situationen entstehen: da eine Blume, dort ein abgenommener Stahlhelm, ein Lächeln. Es werden immer mehr Kinder, sie sammeln sich. Sie folgen der Stimme des unsichtbaren Sängers.

Die Bilddramaturgie zeigt nunmehr einzelne Kinder, stellt ihre Gesichter heraus. Die Szenerie wechselt. Der Zug der ← 90 | 91 → Kinder entfernt sich von den bewohnten Orten, scheint durch Wüsten zu pilgern, verlässt die Stätten der Zivilisation. Das Schlussbild versammelt alle Kinder mit großen,...

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