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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Enthistorisierung als Normalisierung im Umgang mit Zeitgeschichte?

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Welche Auswirkungen die Enthistorisierung eines geschichtlich bedeutsamen Ortes auf das Bewusstsein und den Umgang mit ihm haben kann, hat Peter Steinbach unlängst auf sehr eindrucksvolle Weise klar gemacht. Im Essay „Nach Auschwitz“253 bezieht er sich auf ein Interview, das Peter Eisenman, der Architekt des Berliner Denkmals für die ermordeten Juden, 2010 in der Zeitschrift „Junge Freiheit“ gegeben hat. Eisenman hat dieses vielbeachtete und vieldis ← 92 | 93 → kutierte Denkmal als „einen bedeutungsleeren Raum“ beschrieben, „der beliebige Assoziationen ermöglicht“254. Die bereits in einer solchen Beschreibung liegende Distanzierung unterstreicht der hochangesehene Architekt durch weitere Äußerungen, in denen er zu verstehen gibt, dass „sein Denkmal […] nicht [Hervorhebung von G. R.] Absicht und Sinn [habe], ein Bekenntnis zur Auseinandersetzung mit dem Verbrechen des Völkermordes an den europäischen Juden abzulegen und auf eine bewegende, beeindruckende Weise an die Massenmorde zu erinnern.“255

Diese überraschende Selbsteinschätzung Eisenmans zitiere ich hier nicht in der Absicht, mich mit dem Selbstverständnis des Stararchitekten auseinander zu setzen. Dies sei anderen überlassen. Peter Steinbach rückt diesen Versuch Eisenmans, sogenannte „Normalität“ im „Umgang mit der deutschen Zeitgeschichte“256 herzustellen, mit klaren Worten zurecht und kritisiert solche „‚Normalisierung‘“ als „Synonym für gewollte und bewusste Verdrängung der NS-Zeit aus dem gegenwärtigen Geschichtsbewusstsein“257. So hat das Denkmal, das inzwischen als eine „Art von öffentlichem Erholungsraum“258 genutzt wird, das ihm eingeschriebene historische Gedächtnis verloren. ← 93 | 94 →

253    Steinbach, Peter: Nach Auschwitz. S. 96...

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