Show Less
Restricted access

Russland im 21. Jahrhundert. Reif für eine multipolare Welt?

Eine Analyse der strategischen Kultur Russlands und das daraus abgeleitete Erfordernis einer konfliktsensiblen Außen- und Sicherheitspolitik gegenüber Russland

Series:

Norbert Eitelhuber

Wie mit Russland reden? Angesichts der aktuellen Ukraine-Krise identifiziert das Buch die strategische Kultur Russlands, zeigt deren Auswirkung auf die heutige Außen- und Sicherheitspolitik auf und zieht Folgerungen für den Umgang mit Russland. Neorealistische Analysen können Russlands Verhalten in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts nur begrenzt erklären und führen in ihren Schlussfolgerungen zu einem Wiederaufleben der früheren Blockkonfrontation. Ein wesentlicher Wandel der strategischen Kultur erfolgte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Kooperative Politikansätze können darauf aufbauen. Der politische Westen sollte Mut zu mehr Pluralismus im internationalen System zeigen. Eine erneute Blockkonfrontation ist vermeidbar – dies ist eine zentrale Aussage des Buches.
Show Summary Details
Restricted access

2. Die Theorie der strategischen Kultur

Extract



2.1 Das Konzept der politischen Kultur

Die Erkenntnis, dass Kultur die Sicherheitspolitik eines Staates beeinflusst, lässt sich bis in die Werke Thukydides und Sun Tzus78 zurückverfolgen. Seit den 1940ern begann man in den Sozialwissenschaften mit Studien zum nationalen Charakter die Verbindung zwischen der Kultur eines Volkes und dem Verhalten eines Staates zu erforschen. Dabei kamen vorwiegend anthropologische Modelle zur Anwendung. Sprache, Religion, Sitten und Sozialisation wurden als Wurzel eines nationalen Charakters gesehen. Bereits zu jener Zeit wurde aber auch die Interpretation kollektiver Erinnerungen einer Gesellschaft als weiteres bestimmendes Merkmal erkannt.79

Anfang der 1960er befassten sich Gabriel Almond und Sidney Verba mit der politischen Kultur der Demokratie sowie den sozialen Strukturen und Prozessen, die diese tragen. Sie lehnten die psychologischen und anthropologischen Theorien nicht ab, sahen aber die Notwendigkeit, mit dem Begriff der politischen Kultur eine sprachlich klarere Trennung von politischen und nicht-politischen Einstellungen und Entwicklungsmustern vorzunehmen. Der Begriff politische Kultur beschreibt also sowohl die Einstellungen gegenüber dem politischen System und seinen Komponenten, als auch die Einstellungen gegenüber der Rolle des Individuums innerhalb des Systems (i.e. „psychological orientation toward social objects“). Mit diesem Ansatz vermeiden Almond und Verba allgemeine anthropologische Begriffe wie kulturellen Ethos beziehungsweise die solchen Konzepten innewohnende Annahme der Homogenität. Mit ihrem Konzept der politischen Sozialisation gehen sie über die psychokulturelle Schule, die Verbindungen zwischen kindlicher Entwicklung und politischen Einstellungen ← 31 | 32 →als Erwachsener herstellt, hinaus.80 Sie klassifizieren, angelehnt an Talcott Parsons und Edward Shils81, drei Typen politischer...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.