Russland im 21. Jahrhundert. Reif für eine multipolare Welt?
Eine Analyse der strategischen Kultur Russlands und das daraus abgeleitete Erfordernis einer konfliktsensiblen Außen- und Sicherheitspolitik gegenüber Russland
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Vorwort des Herausgebers
- Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- Russischsprachige Begriffe
- 1. Einleitung
- 1.1 Fragestellung der Studie
- 1.2 Aktueller Forschungsstand
- 1.2.1 Der neorealistische Erklärungsansatz und seine Grenzen
- 1.2.2 Die strategische Kultur Russlands als Erklärungsansatz
- 1.3 Methodisches Vorgehen
- 1.4 Quellenauswertung
- 1.5 Gang der Untersuchung
- 2. Die Theorie der strategischen Kultur
- 2.1 Das Konzept der politischen Kultur
- 2.2 Anwendung des Konzepts der politischen Kultur auf das der Strategie
- 2.3 Strategische Kultur als Bestandteil des Konstruktivismus
- 2.4 Strategische Kultur im Verständnis dieser Studie
- 2.5 Träger der strategischen Kultur
- 2.5.1 Eliten
- 2.5.2 Nationale Institutionen und politischer Entscheidungsprozess
- 2.6 Wandel der strategischen Kultur
- 2.6.1 Kontinuierliche kulturelle Anpassungsprozesse
- 2.6.2 Brüche in der strategischen Kultur
- 2.6.3 Kulturelle Dilemmata
- 2.6.4 Gesteuerte Transformationsprozesse
- 2.7 Abgeleitete Hypothesen
- 3. Wurzeln der strategischen Kultur Russlands
- 3.1 Prägende Rahmenfaktoren
- 3.1.1 Das geografische Faktum
- 3.1.2 Ethnische Faktoren
- 3.1.3 Das Erbe Byzanz‘
- 3.2 Vom Kiever Reich bis zum Ende des Zarentums Russland
- 3.2.1 Wesentliche gesellschaftliche und außenpolitische Ereignisse
- 3.2.2 Zusammenführung der Zwischenergebnisse
- 3.3 Russisches Kaiserreich (1721-1917)
- 3.3.1 Wesentliche gesellschaftliche und außenpolitische Ereignisse
- 3.3.2 Zusammenführung der Zwischenergebnisse
- 3.4 Sowjetunion (1920-1991)
- 3.4.1 Wesentliche gesellschaftliche und außenpolitische Ereignisse
- 3.4.2 Zusammenführung der Zwischenergebnisse
- 4. Russlands strategische Kultur heute – Kontinuität oder Bruch?
- 4.1 Russlands Eliten: tief verankert im Realismus
- 4.2 Umzingelt vom Gegner – Russlands Bedrohungswahrnehmung heute
- 4.2.1 U.S. Doktrin „Verhinderung des Aufstiegs eines neuen Rivalen“
- 4.2.2 Russlands außenpolitische Bedrohungswahrnehmung im Lichte der Ereignisse
- 4.2.3 Russlands innenpolitische Bedrohungswahrnehmung im Lichte der Ereignisse
- 4.2.4 Die Bedrohungswahrnehmung im Spiegel der Grundlagendokumente und Reden
- 4.2.5 NATO als Hauptbedrohung?
- 4.3 Russlands innenpolitischer Entwicklungspfad
- 4.3.1 Die Suche nach der Russischen Idee
- 4.3.2 Adjektive der Macht
- 4.3.3 Artikel 14 der Verfassung – „Die Rußländische Föderation ist ein weltlicher Staat“
- 4.4 Russlands außenpolitischer Entwicklungspfad
- 4.4.1 Modell Europa?
- 4.4.2 Russland als ein Pol in einer multipolaren Welt
- 4.4.3 Wirtschaft, die wahre Legitimation
- 4.4.4 Eine nicht-imperiale Großmacht
- 4.4.5 Der Krieg in Georgien – Ein Beweis für Russlands neoimperiale Bestrebungen?
- 4.4.6 Die Ukrainekrise – Beginn einer neuen Kälteperiode?
- 4.5 Zusammenführung der Ergebnisse
- 5. Erfordernis einer konfliktsensiblen Außen- und Sicherheitspolitik gegenüber der Russischen Föderation
- 5.1 Die Bedeutung der Handlungsmotive
- 5.2 Das Konzept der kooperativen Sicherheit als Schlüssel zum Erfolg
- 5.3 Beachtung der Prinzipien der Souveränität und Nichteinmischung
- 5.4 Pluralismus im internationalen System
- 5.5 „Regional Governance“
- 6. Zusammenführung der Ergebnisse
- 6.1 Zur Theorie
- 6.2 Erkenntnisse aus der Untersuchung der Epochen
- 6.3 Probleme im gemeinsamen Umgang
- 6.4 Erfordernisse im Umgang
- Zeittafel
- Literatur und Quellenverzeichnis
- Zusammenfassung
- Summary
- Заключение
← 30 | 31 →2. Die Theorie der strategischen Kultur
2.1 Das Konzept der politischen Kultur
Die Erkenntnis, dass Kultur die Sicherheitspolitik eines Staates beeinflusst, lässt sich bis in die Werke Thukydides und Sun Tzus78 zurückverfolgen. Seit den 1940ern begann man in den Sozialwissenschaften mit Studien zum nationalen Charakter die Verbindung zwischen der Kultur eines Volkes und dem Verhalten eines Staates zu erforschen. Dabei kamen vorwiegend anthropologische Modelle zur Anwendung. Sprache, Religion, Sitten und Sozialisation wurden als Wurzel eines nationalen Charakters gesehen. Bereits zu jener Zeit wurde aber auch die Interpretation kollektiver Erinnerungen einer Gesellschaft als weiteres bestimmendes Merkmal erkannt.79
Anfang der 1960er befassten sich Gabriel Almond und Sidney Verba mit der politischen Kultur der Demokratie sowie den sozialen Strukturen und Prozessen, die diese tragen. Sie lehnten die psychologischen und anthropologischen Theorien nicht ab, sahen aber die Notwendigkeit, mit dem Begriff der politischen Kultur eine sprachlich klarere Trennung von politischen und nicht-politischen Einstellungen und Entwicklungsmustern vorzunehmen. Der Begriff politische Kultur beschreibt also sowohl die Einstellungen gegenüber dem politischen System und seinen Komponenten, als auch die Einstellungen gegenüber der Rolle des Individuums innerhalb des Systems (i.e. „psychological orientation toward social objects“). Mit diesem Ansatz vermeiden Almond und Verba allgemeine anthropologische Begriffe wie kulturellen Ethos beziehungsweise die solchen Konzepten innewohnende Annahme der Homogenität. Mit ihrem Konzept der politischen Sozialisation gehen sie über die psychokulturelle Schule, die Verbindungen zwischen kindlicher Entwicklung und politischen Einstellungen ← 31 | 32 →als Erwachsener herstellt, hinaus.80 Sie klassifizieren, angelehnt an Talcott Parsons und Edward Shils81, drei Typen politischer Orientierung: (1) die kognitive Orientierung, also das Wissen über und den Glauben an das politische System, seine Rolle, die Inhaber dieser Rollen sowie der Leistung des Systems, (2) die affektive Orientierung gegenüber den genannten Faktoren und (3) die evaluative Orientierung, also die Einschätzung des politischen Systems auf der Grundlage von Wertmaßstäben und Kriterien wie Informationen und Gefühlen.
Die Untersuchungen von Gabriel Almond und Sidney Verba fanden vor dem Hintergrund einer sich nach dem Zweiten Weltkrieg rasch wandelnden Welt statt, die durch die Staatsbildungen in Afrika und Asien sowie das Streben zuvor unterworfener Völker nach Zugang zur modernen Welt geprägt war. Während die Entwicklungen im technologischen und organisatorischen Bereich nahezu weltweit in die gleiche Richtung verliefen, war die Entwicklung der politischen Kultur weniger eindeutig. Zwar gab es überall den lauten Ruf nach politischer Partizipation, aber die Art und Weise wie diese umgesetzt werden konnte war verschieden. Den sich entwickelnden Staaten stand sowohl der demokratische als auch der totalitäre Weg offen. Im demokratischen Staat können die Menschen am politischen Entscheidungsprozess als „influential citizen“ teilhaben, im totalitären Staat wird ihnen die Rolle eines „participant subject“ zugewiesen. Damit eine demokratische Teilhabe am politischen Prozess möglich ist, bedarf es einer politischen Kultur, die damit übereinstimmend ist. Laut Almond und Verba stellt die Natur der demokratischen Kultur in sich ein wesentliches Hemmnis dar, die politische Kultur der westlichen Staaten auf die entstehenden Staaten zu übertragen. Freiheit, die Würde des Einzelnen, das Prinzip der Konsensentscheidung werden als inspirierende Ideen gesehen, aber die Wirkprinzipien eines politischen Gemeinwesens, „the ways in which political elites make decisions, their norms and attitudes, as well as the norms and attitudes of the ordinary citizen, his relation to government and to his fellow citizens“,82 sind subtile Elemente der ihm zugrundeliegenden Kultur. Es ist also nicht damit getan, politische Parteien, Interessengruppen und Medien aufzubauen sowie Rechtsnormen zu setzen. ← 32 | 33 →Deren innere Wirkprinzipien und Normen sowie deren gesellschaftliche Grundlagen müssen verstanden werden.83
Ein Modell, wie Kultur die Interpretation der Umwelt beeinflusst und zu darauf abgestimmtem Verhalten führt, stammt von Clifford Geertz. Bei seinen Ausführungen zu Religion als kulturellem System benennt er das von ihm verwendete Kulturkonzept: „it denotes an historically transmitted pattern of meanings embodied in symbols, a system of inherited conceptions expressed in symbolic forms by means of which men communicate, perpetuate, and develop their knowledge about and attitudes toward life.“84
David Elkins und Richard Simeon weisen darauf hin, dass politische Kultur aus Annahmen über die politische Welt besteht. Diese Annahmen „focus attention on certain features of events, institutions, and behavior, define the realm of the possible, identify the problems deemed pertinent, and set the range of alternatives among which members of the population make decisions.”85 Politische Kultur ist demnach eine Geisteshaltung, die den Effekt hat, die Aufmerksamkeit der Individuen auf nur ein Teilspektrum möglicher Verhaltensweisen zu beschränken. Dennoch wird inzwischen, Elkins und Simeon folgend, überwiegend das Gemeinwesen und nicht die Individuen, die das Gemeinwesen ausmachen, als Träger strategischer Kultur identifiziert.86
Wenn Kultur als Erklärung für ein bestimmtes Verhalten verwendet werden soll, ist zu prüfen, was zu einer bestimmten Geisteshaltung beiträgt. Beispielsweise ist zu klären, ob für eine Nation deren kollektive Erfahrungen von Bedeutung sind, oder ob sich die Unterschiede der politischen Kultur aus den abweichenden Proportionen bestimmter Gruppen ergeben. Nationale Kulturen spielen nur dann eine Rolle, wenn Menschen der gleichen sozialen Gruppe, aber in verschiedenen Nationen, unterschiedliche Annahmen haben. Dies bedeutet, dass Auswirkungen von Strukturen, also der unterschiedliche Anteil ← 33 | 34 →von Menschen in einer sozialen beziehungsweise demografischen Kategorie, wie beispielsweise Religion, ethnische Zugehörigkeit, wirtschaftliche Stellung, …, ausgeschlossen werden müssen.87
Das Augenmerk der Analyse muss auf der abhängigen Variable „was soll erklärt werden“ liegen. Kultur erklärt auch nicht die jeweilige Entscheidung für ein bestimmtes Verhalten, sondern steckt nur den Rahmen ab, innerhalb dessen eine Entscheidung getroffen wird. Andere Faktoren, wie zum Beispiel Persönlichkeit, Eigeninteressen, die relative Stärke organisierter Gruppen, bestimmen die Wahl einer bestimmten Handlungsoption.88
Elkins und Simeon weisen darauf hin, dass sich die Abgrenzung zu institutionellen Erklärungsansätzen schwierig gestaltet, da diese kaum zu messen und zu quantifizieren sind und zudem zwischen institutionellen und kulturellen Einflüssen komplexe Interaktionen stattfinden.89 Thomas Berger hingegen wendet sich gegen den weit verbreiteten Ansatz, Kultur und Institutionen als sich gegenseitig ausschließende Untersuchungsgegenstände zu betrachten. Dabei versteht er Institutionen entsprechend der allgemein anerkannten Definition von Peter Hall als „formal rules, compliance procedures, and standard operating practices that structure the relationship between individuals in various units of the polity and economy“. Die Diskussion, „whether it is formal institutions that create culture or culture that shapes institutions”, erachtet er als irrelevant, da Kultur und Institutionen in einer gegenseitigen Abhängigkeit stehen. Formale Institutionen spielen eine zentrale Rolle „in anchoring broader societal beliefs and values and provide continuity and permanency to them.” Kulturelle Kräfte hingegen „influence the shapes institutions take and provide them with legitimacy and meaning.”90 Dies bedeutet, dass politische Kultur nicht, wie von Elkins und ← 34 | 35 →Simeon erachtet, nur ein Erklärungsansatz zweiter Ordnung ist, der nur angewandt werden könne, nachdem strukturelle und institutionelle Erklärungsansätze ausgeschlossen worden sind.91
2.2 Anwendung des Konzepts der politischen Kultur auf das der Strategie
Im Kalten Krieg stieg das Forschungsinteresse stark an, Wege zu finden, um Entscheidungsfindungsprozesse der hochgerüsteten nuklearen Supermächte transparenter und nachvollziehbarer zu machen. 1977 wandte Jack Snyder erstmals das Konzept der politischen Kultur in einer Studie zu einer aktuellen Frage der Sicherheitspolitik an. Er untersuchte die Auswirkungen der sowjetischen politischen Kultur auf die Entwicklung der Nukleardoktrin. Ausgehend von einer Sozialisierung der Akteure im sowjetischen System hatten sich allgemeingültige Auffassungen und Einstellungen sowie Verhaltensmuster mit Blick auf die Entwicklung einer Nukleardoktrin entwickelt. Diese Muster sind semi-permanent. Einerseits ändern sie sich, wenn sich die objektiven Rahmenbedingungen verschieben, andererseits ergeben sich aufgrund der langwierigen Sozialisierungsprozesse der Akteure nur marginale Veränderungen in einem langen Zeitraum. Snyder verortet diese Muster daher auf der Ebene der Kultur und nicht der Politik.92
Neue Probleme werden daher nicht objektiv betrachtet, sondern durch die Linse der strategischen Kultur93. Snyder folgert hieraus, dass es gefährlich ist, anzunehmen, „that Soviet crisis decisionmakers will tailor their behavior to American notions of strategic rationality“94. Während der amerikanische Ansatz der „intrawar deterrence“ kooperativ sei und auf gegenseitige Zurückhaltung bei der Wahl der Ziele und Waffen aufbaue95, sei der sowjetische Ansatz unilateral ← 35 | 36 →mit einer Präferenz zur Schadensbegrenzung durch massiven Gegenschlag.96 Die Bewertung von Handlungsoptionen in einer spezifischen Situation reflektiert somit kulturelle Prädispositionen.
Snyder definiert strategische Kultur „as the sum total of ideas, conditioned emotional responses, and patterns of habitual behavior that members of a national strategic community have acquired through instruction or imitation and share with each other“97. Kultur wird folglich nicht nur durch Individuen, sondern auch durch Organisationen weitergegeben. Die strategische Gemeinschaft unterteilt Snyder folglich in Subkulturen, zum Beispiel das Militär, die eigenständig hergeleitete Einstellungen zu strategischen Fragen haben. Die damit verbundene wichtige Frage ist: Wessen Meinung zählt?98
Auch warnt Snyder vor rein quantitativen Analysen historischer Fälle zur Bewertung des Verhaltens. Ordnet man diesen beispielsweise Reaktionsmuster wie „rücksichtslos“ beziehungsweise „vorsichtig“ zu, so wird der Komplexität des Risikobegriffs zu wenig Rechnung getragen. So könnte beispielweise ein präventiver Angriff sehr wohl risikominimierend sein. Quantitative Analysen berücksichtigen auch nicht die relative Bedeutung des Streitgegenstandes, das Prestige, das die beiden Seiten damit verbunden haben, die lokale und strategische Machtbalance, die Einschätzung der Absichten des Konkurrenten, …99
Leitet man die strategische Kultur nicht aus der langen Linie der Geschichte, sondern, wie Snyder es tut, aus den von den lebenden Generationen gemachten Lehren ab, so setzt man sich stärker dem Argument des Gegenbeispiels aus. Zwei Personen können die gleichen Erfahrungen gemacht, aber gegensätzliche Lehren gezogen haben.100
Snyder erkennt, ähnlich wie Elkins und Simeon, dass historische Lehren aus diesem Grund nie sich selbstgenügende Erklärungsmuster bieten. Sie ← 36 | 37 →müssen von der Mehrheit der Akteure (und/oder den bestimmenden Eliten) gezogen worden sein. Ob sie dann zur Wirkung gelangen, hängt von weiteren Faktoren ab.101 Morton Halperin und Priscilla Clapp stellen die Bedeutung von „shared images”, also von miteinander geteilten Wahrnehmungen innerhalb einer auf Konsens ausgerichteten Bürokratie, heraus. Diese haben einen größeren Einfluss auf die Entscheidungsfindung als Verfahrensabläufe. Das Infragestellen allgemein anerkannter Einstellungen innerhalb einer Organisation erschwert den Konsensfindungsprozess. Umgekehrt macht deren Verinnerlichung einen Akteur effektiver in seinem Handeln. Dies führt auch dazu, dass Akteure innerhalb eines Systems dazu tendieren, sich aus den verschiedensten Motiven heraus dem gemeinsamen Denken anzupassen. Im schlechten Fall kann diese Wirkweise dazu führen, dass eine richtige aber von der geteilten Wahrnehmung abweichende Empfehlung, ignoriert wird. Mitunter werden miteinander geteilte Wahrnehmungen auch bewusst manipuliert. Dies geschieht meist behutsam und über einen längeren Zeitraum hinweg durch einen Teil der Elite. Halperin und Clapp führen als Beispiel an, wie in den Jahren 1949/50 die Bedrohung durch die Sowjetunion übertrieben dargestellt wurde, damit selbst Skeptiker noch hinreichend besorgt waren und der angestrebten Erhöhung des Verteidigungsetats zustimmten – entgegen der bislang geteilten Wahrnehmung, die USA könnten nicht mehr als 15 Milliarden Dollar pro Jahr für ihre Streitkräfte vorsehen.102
Historische Erfahrungen als Einflussgröße auf den Strategiebildungsprozess eines Staates wurden bereits von Colin Gray unterstrichen. Er definierte strategische Kultur als „referring to modes of thought and action with respect to force, [which] derives from perception of the national historical experience, from aspirations for responsible behavior in national terms“103. Ganz anders der Neorealismus, der das „angesammelte Gewicht der Vergangenheit“ in Abrede stellt und stattdessen eine nach vorne gewandte Kosten-Nutzen-Kalkulation präferiert.104
Nach Gray aber wird Verhalten, das in der Vergangenheit zum Erfolg geführt hat, reproduziert. Folglich sind vor dem Hintergrund der wahrgenommenen historischen Erfahrungen viele Facetten einer strategischen Kultur streng rational ← 37 | 38 →im Sinne von Realpolitik. Dennoch erfasst man mit der Analyse strategischer Kultur, ähnlich wie mit geopolitischen Analysen, nur Einflussfaktoren. Eine klare Vorausbestimmungen künftigen Verhaltens lässt sich nicht ableiten. Gray weist ferner darauf hin, dass einige Facetten einer strategischen Kultur durchaus gemein sein können mit denen einer anderen Kultur.105 Beispielsweise verweist Alastair Johnston darauf, dass eine ähnliche strategische Kultur der Realpolitik als Gemeinsamkeit einer Vielzahl unterschiedlicher Gesellschaften gelten darf.106
Weitere Einflussfaktoren, die Gray anführt, sind die spezifischen Erfahrungen eines Volkes, wie sie sich aus der Geografie, politischen Philosophie, der gelebten staatsbürgerlichen Kultur und Lebensweise ergeben. Innerhalb des von der strategischen Kultur bestimmten Umfeldes werden die strategischen Ideen diskutiert und die strategischen Entscheidungen getroffen.107 Strategische Kultur ist somit eine unabhängige Variable der Art und Weise wie diese Entscheidungen getroffen werden. Wie Snyder argumentiert Gray, dass strategische Kultur semi-permanent ist, weil „strategic culture and national style have very deep roots within a particular stream of historical experience”108.
Den Zusammenhang von Geopolitik und strategischer Kultur untersuchte Gray 1988 am Beispiel der beiden Supermächte. Das amerikanische Volk beispielsweise bewertet Handlungsoptionen auf eine in der strategischen Kultur liegenden Art und Weise, welche sich von anderen Sicherheitsgemeinschaften (Völkern, Staaten, Allianzen, …) unterscheidet. „American people are geopolitically conditioned as Americans.“109 Da sich die politischen Umstände, die relativen Fähigkeiten eines Staates und die Einstellung der Öffentlichkeit kontinuierlich ändern, bietet die geostrategische Analyse allerdings keine ← 38 | 39 →Gewähr dafür, dass durch sie identifizierte vitale Interessen tatsächlich verteidigt werden.110 Auch erwächst die strategische Bedeutung der Geografie nur in Bezug auf Zeit, Technologie, relative nationale Kraftanstrengungen und Handlungsoptionen, die von Taktik und Strategie beeinflusst werden.111
Gray weist ausführlich auf die Schwächen von Studien zu Charakter und Kultur hin: (1) Die Geschichte eines Landes verläuft entlang verschiedener Linien. Wie kann bestimmt werden, welche wann prägend ist und welche nicht? (2) Nennenswerte Einwanderung kann eine neue Kultur hervorbringen. Wo liegen die intellektuellen Wurzeln der Eliten? (3) Unter Druck verhalten sich Menschen oftmals ähnlich. Deshalb ist seines Erachtens in solche Situationen außenpolitisches Verhalten oftmals kulturneutral. (4) Alle Staaten weisen auch von ihrer Kultur abweichendes Verhalten auf. (5) Verhaltensmuster werden aufgrund gemeinsamer Wurzeln und Umstände in Teilen mit anderen Gemeinwesen geteilt. (6) Wissenschaftler sind in der Lage, zu finden was sie suchen. (7) Kultur ist genauso veränderbar wie die Auswirkungen geografischer Rahmenbedingungen. Letztere können sich durch neue Technologien ändern (zum Beispiel verschob das Aufkommen der Eisenbahn die Gewichte zwischen Land- und Seemächten), erstere unter dem Druck neuer Umstände. Gray fasst seine Kritik wie folgt zusammen: „Social science has developed no exact methodology for identifying distinctive national cultures and styles.”112 Trotz der so deutlich geäußerten Kritik legten Studien zur strategischer Kultur die Grundlage für das Verständnis der Reagan-Regierung über die Natur der sowjetischen Bedrohung.113
Auch Ken Booth, auf den Gray sich stark bezieht, sieht die „cultural thoughtways“ eines Volkes als in hohem Maße abhängig von der Geografie.114 Die geografischen Rahmenbedingungen bestimmen (1), welche ökonomischen Aktivitäten rentabel sind (2), in welchem Maße ein Volk offen ist für fremde Einflüsse und verwundbar durch feindliche Invasionen (3), die Identität, den Charakter, die Nähe zu Nachbarn und sogar die Regierungsform, die mit den ← 39 | 40 →nationalen Präferenzen übereinstimmt.115 Dies bedeutet, dass historische Erfahrungen, die Gray als Einflussgröße auf den Strategiebildungsprozess identifiziert hatte, somit wesentlich auch durch die geografischen Rahmenbedingungen geprägt werden. Die von der Geografie bestimmten ökonomischen Aktivitäten bestimmen die soziale Geografie, die wiederum einen wesentlichen Einfluss auf das politische System hat.116
Die vielfältigen Einflüsse auf die strategische Kultur eines Landes lassen es jedoch zweifelhaft erscheinen, dass strategische Kultur über die Zeitachse hinweg homogen ist. Jeder der Einflüsse könnte genauso eine andere, sogar gegensätzliche strategische Kultur hervorbringen.117 Gleichartige Ereignisse können in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Prägungen bewirken.
Mit dem Ende des Kalten Krieges schwand Russlands Bedeutung auf der politischen Weltbühne und das Interesse am Konzept der strategischen Kultur, das vornehmlich zur Analyse des Antagonismus zwischen den beiden Supermächten genutzt worden war, erlosch vorübergehend. Vielen galt Kultur nur als „the explanation of last resort“ und alles was durch die klassischen Theorien nicht erklärbar war, wurde kulturellen Unterschieden zugeschrieben.118
2.3 Strategische Kultur als Bestandteil des Konstruktivismus
Aber auch der Neorealismus war nicht in der Lage, wesentliche Ereignisse wie den raschen Systemwandel Ende der 1980er / Anfang der 1990er Jahre vorher zu sagen oder Grundmuster nationaler Sicherheitspolitik in dem dynamischen neuen internationalen System angemessen zu beschreiben. Die Forschung befand sich in einer Phase der theoretischen Krise. Bestehende Theorien waren nicht befriedigend, neue waren nicht in der Lage, eine Alternative zu bieten. Diese Lücke versuchte man mit Modellen kulturgebundenen Verhaltens von Staaten zu schließen.119
← 40 | 41 →Die zentralen Fragen sind: Zu welchem Anteil ist staatliches Handeln beeinflusst durch Struktur (Anarchie im internationalen System sowie die Verteilung von Macht) gegenüber Prozessen (Interaktion und Lernen) und Institutionen? Was ist an der dem Realismus zu Grunde liegenden Anarchie vorgegeben und unumstößlich, was ist offen für Wandel? Beide, Neorealisten und Neoliberale, legen bei ihren Analysen dem Handeln der Akteure rationales Handeln zu Grunde. Politische Identitäten und Interessen werden als vorgegeben betrachtet. Der am Eigennutz orientierte Staat bildet den Ausgangspunkt der Theorien. Untersucht wird, wie das Verhalten der Akteure das Ergebnis beeinflusst. Während sowohl Neorealisten als auch Liberale von einer anarchischen Struktur des internationalen Systems ausgehen, ergänzen die Liberalen die Annahme, dass Prozesse kooperative Verhaltensweisen hervorbringen können. Während Neoliberale keine konsistente Theorie haben, wie solche Verhaltensänderungen entstehen, versuchen Gesellschaftstheorien, die Existenz von politischen Identitäten und Interessen zu erklären. Konstruktivisten bedienen sich dieser Theorien bei den Erklärungsversuchen der sozialen Konstruktion von Subjektivität.120 Yosef Lapid schreibt, mit Bezug auf Somers: „Embracing the idea that cultures and identities are emergent and constructed (rather than fixed and natural), contested and polymorphic (rather than unitary and singular), and interactive and process-like (rather than static and essence-like), can lead to pathbreaking theoretical advances.”121
Details
- Seiten
- XX, 484
- Erscheinungsjahr
- 2015
- ISBN (Hardcover)
- 9783631669464
- ISBN (PDF)
- 9783653060454
- ISBN (MOBI)
- 9783653955026
- ISBN (ePUB)
- 9783653955033
- DOI
- 10.3726/978-3-653-06045-4
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2015 (Juli)
- Schlagworte
- Ukrainekrise Multipolare Welt Kooperative Sicherheit
- Erschienen
- Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. XX, 484 S., 15 farb. Abb., 19 Tab.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG