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Russland im 21. Jahrhundert. Reif für eine multipolare Welt?

Eine Analyse der strategischen Kultur Russlands und das daraus abgeleitete Erfordernis einer konfliktsensiblen Außen- und Sicherheitspolitik gegenüber Russland

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Norbert Eitelhuber

Wie mit Russland reden? Angesichts der aktuellen Ukraine-Krise identifiziert das Buch die strategische Kultur Russlands, zeigt deren Auswirkung auf die heutige Außen- und Sicherheitspolitik auf und zieht Folgerungen für den Umgang mit Russland. Neorealistische Analysen können Russlands Verhalten in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts nur begrenzt erklären und führen in ihren Schlussfolgerungen zu einem Wiederaufleben der früheren Blockkonfrontation. Ein wesentlicher Wandel der strategischen Kultur erfolgte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Kooperative Politikansätze können darauf aufbauen. Der politische Westen sollte Mut zu mehr Pluralismus im internationalen System zeigen. Eine erneute Blockkonfrontation ist vermeidbar – dies ist eine zentrale Aussage des Buches.
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4. Russlands strategische Kultur heute – Kontinuität oder Bruch?

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4.1 Russlands Eliten: tief verankert im Realismus

In den Jahren 1987 bis 1993 schien sich die strategische Kultur Russlands grundlegend zu verändern. Während Russlands Geschichte reich an Erfahrungen eines von oben angeordneten Lernens vom Westen ist, sollte sich Russland nun, und dies war völlig neu, sogar in den Westen integrieren und seine Werte wie freiheitliche Demokratie und liberale Marktwirtschaft übernehmen. Diese Integration aber sollte geschehen, während Russland gleichzeitig weiterhin Ansprüche als globaler Akteur formulierte. Russlands Forderungen basierten auf dem mit einem Vetorecht versehenen Ständigen Sitz in den Vereinten Nationen, seinen weiterhin beachtlichen nuklearen Streitkräften, den enormen natürlichen Ressourcen, seiner vermeintlichen Fähigkeit, Eurasien zu stabilisieren und gleichzeitig als Brücke zwischen Europa und Asien zu dienen.559

Doch das „Neue Denken“ mit seinen Schwerpunkten Kooperation und Integration mit dem Westen war eine den Notwendigkeiten einer überlasteten Sowjetunion geschuldete Neuausrichtung der Außen- und Sicherheitspolitik. Sie entsprach nicht im Geringsten der strategischen Kultur des Landes. Bis weite Teile der etablierten Eliten und der Bevölkerung überhaupt die Erkenntnis akzeptierten, dass die Sowjetunion abgewirtschaftet hatte, bis der Schock des raschen Zerfalls der Sowjetunion langsam verarbeitet wurde, war das „Neue Denken“ bereits wieder diskreditiert. Veränderungen der langfristigen Präferenzen erfolgen offensichtlich auch bei schockartigen Ereignissen nicht in zwei, drei Jahren. Es scheint selbst unter solchen Umständen mindestens ein bis zwei Jahrzehnte zu dauern, bis sich eine neue strategische Kultur etablieren kann.

Mandelbaum nennt zwei wesentliche Gr...

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