Show Less
Restricted access

Vom Ich erzählen

Identitätsnarrative in der Literatur des 20. Jahrhunderts

Series:

Heribert Tommek and Christian Steltz

Narrative des Ich und des Selbst sind für die bürgerliche Kultur konstitutiv. Dieser Band beleuchtet, wie das Ich seit Rimbauds Fanal «Je est un autre» destruiert wurde. Nietzsches «Tod Gottes» entthronte das Ich. Ernst Mach erklärte es für «unrettbar», da er es auf seine einzelnen Elemente zurückführte, während Freud das Ich schließlich nach seinen Funktionen im psychischen Apparat zerlegte. Mit der Ich-Auflösung vollzog sich eine fundamentale metaphysische Krise. Die Beiträge zeigen, wie sich diese Auflösung als Katalysator für eine dynamisierte Modernisierung der Künste erwies. Denn paradoxerweise steht die Destruktion des Ich für eine neue, autonome Subjektkonstitution in der Literatur des 20. Jahrhunderts.
Show Summary Details
Restricted access

Christian Steltz - „Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein“ – Denormalisierungsangst und Normalisierungslust in Thomas Manns Tonio Kröger und Wilhelm Genazinos Mittelmäßiges Heimweh

Extract

| 49 →

Christian Steltz

„Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein“ – Denormalisierungsangst und Normalisierungslust in Thomas Manns Tonio Kröger und Wilhelm Genazinos Mittelmäßiges Heimweh

„Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein“1 – so lautet die Erkenntnis eines Finanz-Controllers namens Dieter Rotmund, der in Wilhelm Genazinos Roman Mittelmäßiges Heimweh aus dem Jahr 2007 als autodiegetischer Erzähler fungiert. Diese Einsicht berührt die in der Identitätstheorie bis heute kontrovers diskutierte Frage nach der Relation von personaler und kollektiver Identität. Hier herrscht einerseits die Auffassung vor, dass kollektive aus personalen Identitäten abgeleitet werden, womit dem Konzept der personalen Identität eine zeitliche und sachliche Priorität eingeräumt wird.2 Demgegenüber wird aber auch die konträre Einschätzung vertreten, dass es die Vorstellungen einer kollektiven Identität sind, welche zuerst ausgebildet würden. Obwohl es viele Gründe gibt, die für ein Primat der kollektiven Identität sprechen, dauert die Diskussion um diese Frage noch immer an. Unbestritten ist lediglich, dass die Herausbildung einer Identität ein „paradoxer Vorgang [ist], bei dem aktive und passive Momente, Fremd- und Eigensteuerung unauflösbar ineinander verwoben sind“.3 Die unauflösbare Paradoxie ist hierbei die folgende: „Schon die Bestimmung des eigenen Selbst reklamiert die Nicht-Identität mit anderen, wobei diese Anderen zugleich als Spiegel und Garant der Anerkennung von Selbst-Behauptung herangezogen werden müssen.“4 ← 49 | 50 →

Noch komplexer gestaltet sich die Konstruktion kollektiver Identitäten, denn anders...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.